»Wie er aussieht, wirst du ja sehen. Zu mir kommt er, weil der Lehrer in Oberheudorf mich kennt; der bat mich auch, den Jungen wenigstens auf ein halbes Jahr zu nehmen, bis er sich etwas an die Stadt gewöhnt hat.«

»Wenn – – wenn – – er sich aber draußen nicht die Schuhe abstreicht?« fragte Füchslein ganz ängstlich.

Fräulein Wunderlich war nämlich als sehr ordnungsliebend bekannt, und fast jedes Kind, das in das Haus kam, hatte schon tüchtige Schelte bekommen wegen unsauberer Schuhe, nasser Regenschirme und dergleichen. Einen Schmutztaps auf den weißgescheuerten Treppen konnte das Fräulein nicht vertragen. Und dabei kamen viele Kinder in das Haus, denn der Organist Wunderlich war ein sehr gesuchter Musiklehrer.

»Dann wird sie wohl schelten,« sagte der alte Mann und seufzte ein klein wenig bei des Füchsleins ängstlicher Frage. »Aber nun laß mich los, Kind, ich muß in die Kirche gehen, meine Orgel verlangt nach mir.«

»Ach bitte, bitte,« flehte Marianne und hielt den Organisten ganz fest, »sage mir noch, liebster, bester Vater Wunderlich, wird wirklich über die Oberheudorfer Kinder ein Buch geschrieben?«

Der alte Herr lachte: »Ja, man sagt so, Kind. Die Oberheudorfer meinen, ihre Kinder machten so viele dumme und lustige Streiche, daß man gleich ein paar Bücher davon schreiben könnte. Und wahr ist's ja: wie mein künftiger Pflegesohn zu seiner Pflegemutter gekommen ist, und daß man ihn hierher schickt auf das Gymnasium, das sind lauter lustige und auch ein bißchen ernsthafte Geschichten.«

»Ach, ich verhungere schon vor Neugier auf den Jungen,« rief das Füchslein, »wäre er doch erst da!«

»Abwarten und Tee trinken, sagte meine Mutter schon.« Vater Wunderlich hatte nun wirklich die Kirchentüre aufgeschlossen. Er befreite sich von Mariannes Händchen, nickte den Kindern freundlich zu und trat in die Kirche. Sonst schlüpften die drei ihm gerne nach und lauschten still auf einer Bank den schönen Klängen der Orgel; heute waren sie, besonders das Füchslein, zu ungeduldig. »Ich muß essen,« sagte das Mädel seufzend; »wenn ich warten muß, fährt's mir allemal in den Magen.«

Die Buben waren damit einverstanden, ihr Vesperbrot zu verzehren. Hunger hatten sie immer, und ob der von der Neugierde oder von der Ungeduld kam, war ihnen gleichgültig, Hunger ist Hunger.