»Holla, heda, was soll das?« schrie der Bauer ihnen überrascht nach, aber er konnte viel rufen; die beiden liefen in schnellstem Lauf in den nahen Wald hinein.
»Die haben was angestellt,« dachte er und schaute sich um. Da sah er ein rotes Bündel im Grase liegen. Anton Friedlich hatte das Kuchenbündel vergessen. »Na wartet,« brummte das Bäuerlein, »das sollt ihr suchen, ihr Schelme. Wer weiß, wo ihr das hergenommen habt!« Er trug das Bündel in seinen Wagen und fuhr von dannen, und zwei paar Bubenaugen sahen ihm aus dem Walde traurig nach.
»Er nimmt's mit,« schluchzte der dicke Friede. »Oh, ich hab' solchen Hunger!«
»Schrei nich,« tröstete Anton Friedlich. »Ich hab' zwei Groschen; da können wir uns in Schwipperlingen sattessen.«
»Wenn's nur nicht so weit wäre,« seufzte der dicke Friede. Er trabte aber doch tapfer der Stadt zu, von der jetzt die ersten Türme in der Ferne aufstiegen. Die beiden gingen sehr vorsichtig auf dem schmalen Fußweg entlang; sie sahen sich ängstlich nach allen Seiten um, ja sogar in die Kirschbäume am Wege sahen sie hinauf, ob sich nicht etwa der Bauer mit seinem Wagen auf einen Baum gesetzt hätte. Zu dumm war es; aber immer redete da leise und eindringlich eine Stimme in den Herzen der Buben: »Wärt ihr nur zur Muhme gegangen, ihr seid auf falschem Wege.« Keiner wollte es dem andern sagen, wie unbehaglich es ihm eigentlich zumute war, und namentlich Anton Friedlich redete immer laut und dreist von der Stadt. Friede war stiller und bedrückter.
Der Frühlingstag war schon müde geworden, und der Abend stand da, bereit, ihn in seine Arme zu nehmen, da gelangten die beiden endlich nach Schwipperlingen. Die kleine Stadt schmiegte sich in ein enges Tal, und da sie nicht Platz darin hatte, waren kleine Häuser und ein paar helle Villen zu beiden Seiten die Berge hinaufgelaufen. Wie Feldburg hatte auch Schwipperlingen noch alte Häuser und Mauerreste aus vergangenen Zeiten, und zwei Kirchtürme, der eine spitz und schlank, der andere rund und dick, ragten aus dem Häusergewirr auf; von einem Schloß war nichts zu sehen. Dafür sahen die Buben aber etwas anderes, was ihnen so seltsam festlich und feierlich vorkam, daß sie erst zögerten, in die Stadt hineinzugehen. Die Häuser waren mit bunten Fahnen geschmückt, die im Abendwind lustig flatterten. Dazu hingen Kränze und Girlanden von den Fenstern herab, und über ein paar Straßen waren grüne Bogen gespannt. Wer an diesem Frühlingsabend in Schwipperlingen gesund und lustig war, der wanderte durch die Straßen und freute sich mit den andern an dem heiteren Schmuck, und so zogen durch die sonst so stillen Straßen ganze Scharen froher, lachender und singender Menschen. Den beiden Dorfbuben gefiel das sehr gut, und eine Weile vergaßen sie Müdigkeit und Angst, so viel gab es zu schauen.
»Siehste,« sagte Anton Friedlich stolz, »sie haben Vogelschießen, fein, nich?«
»Jaaah.« Friede fuhr nachdenklich mit der Hand in seine Hosentasche. »Du,« brummelte er, »wir haben aber kein Geld!«
Anton erschrak. Ja freilich, zum Vogelschießen gehört Geld, und er hatte nur zwanzig Pfennig, und – Hunger hatte er auch. »Wenn wir nur den Kuchen hätten!« seufzte er.