»Ja.« Sie drängten sich alle lachend dichter und dichter an Besenmüller heran. »Sag’s ihr doch, sie soll wieder gut sein.«

»So fix geht das niche. Erst versprecht, Zwetschen werden nich genommen heute.«

»Nä,« riefen alle einstimmig; sie sahen aber gar nicht erst zu den Bäumen hinan, so voll hingen sie, so köstlich blau schimmerten die Früchte.

»Also euer Wort?«

»Ja!« Sie schrieen es wieder im Chor, und Besenmüller wickelte darauf sorgsam seinen Strumpf zusammen, nahm seinen Stock und verließ für diesen Tag die Pflaumenstraße. Er wußte, die Kinder hielten ihr Versprechen, also mußte er nun auch das seine halten und seine Frau versöhnen. Bis in die Nähe des Schulhauses gab die Schar dem alten Manne das Geleit, weiter nicht; Frau Besenmüller könnte sie ja sehen. Die hatte freilich längst den Zug erblickt, und als ihr Mann das Haus betrat, kam sie ihm entgegen und rief vorwurfsvoll: »Besenmüller, du bist zu gut, nä, die Kinner verdienen’s nicht!«

»Aber Lydia, Kinner sin Kinner!« Weiter sagte der Schuldiener gar nichts. Es war auch nicht nötig. Seine Frau vergaß die himmelblaue Vase, das zerschlagene Fenster, ihren Zorn und alles; wenn ihr Mann sie Lydia nannte, dann war es ihr immer gleich wie Feiertag, pflegte sie zu sagen. Es gab nämlich auf der ganzen weiten Welt keinen Menschen, den die Schuldienersfrau mehr bewunderte als ihren Mann. Was der sagte, galt. Wenn der Herr Schulrat gekommen wäre und hätte Besenmüller du genannt und ihn zum Schulvorstand ernannt, Frau Besenmüller hätte sich kein bißchen darüber verwundert. Höchstens hätte sie gesagt: »So was ist richtig!«

Die Kinder sahen den Schuldiener in das Haus treten, hörten drinnen die Stimme der Frau, dann liefen sie beruhigt von dannen – nun war Frau Besenmüller versöhnt.

Sie schliefen alle trotz ihrer verschiedenen Dummheiten, die sie tagsüber begangen hatten, sehr gut. Nur Schwetzers Fritze träumte schwer, er war im Traum als riesengroßer Blumenstrauß dem neuen Lehrer selbst vor die Füße gefallen. Doch Träume sind Schäume, sie vergehen im Lichte des neuen Tages.

Ernste Gedanken vergehen nicht so leicht, die verscheuchen selbst den Schlaf. Während in Steinach am Wald alles in tiefer Ruhe lag, strahlten im Schulhaus noch lange zwei Fenster hell in die Nacht hinaus. Der alte und der junge Lehrer, sie wachten beide, jeder saß einsam in seinem Zimmer, der eine sann der Vergangenheit, der andere der Zukunft nach. »Ich wollte, ich könnte in meinem Steinach bleiben,« dachte Vater Hiller wehmütig; es wurde ihm schwer, aus seinem lieben Amt zu scheiden. Sein junger Nachfolger aber seufzte: »Werde ich es je in diesem Steinach aushalten?« Er stand am offenen Fenster, ringsherum lag alles im Schweigen. Bis auf einmal ein fernes Sausen durch die Nacht kam; es klang näher, ein Pfiff ertönte, dann verhallte das Sausen wieder: ein Zug war vorbeigefahren. »Könnte ich doch wieder mit hinaus aus dieser Enge!« entfuhr es dem jungen Lehrer, und er seufzte abermals.

Heinrich Fries streckte die Arme aus, aber plötzlich ließ er sie sinken und lauschte, ein anderer Ton wurde laut, ein feines, süßes Singen rauschte auf.