»Nein, das Geschlecht ist ausgestorben, aber« – ein heiteres Schmunzeln lief über des Alten Gesicht – »die Geschichten von ihnen leben noch in der Erinnerung, und die Nachbarn ringsum nennen die Steinacher gern nach den alten Herren von einst die Schelme von Steinach.«

Das Züglein hatte den kleinen Bahnhof verlassen. Pustend und stöhnend fuhr es weiter, und das Dorf mit den weißen, schimmernden Blütenstraßen entschwand allmählich den Blicken der Reisenden. Doch die Gedanken des jungen Mannes blieben noch daran hängen, er fragte: »Wie waren denn die Schelme von Steinach, daß man noch heute ihren Namen den Dörflern anhängt?«

»Nun, beim richtigen Namen genannt waren es Raubritter. Sie hausten wie Habichte auf ihrem Bergnest und nahmen gern, was ihnen gefiel, auch wenn es anderen gehörte. Aber die Schlimmsten waren sie nicht, andere adelige Herren trieben es dazumal wohl ärger. Sie waren nicht hart, sondern gutmütig und voll lustiger Einfälle. Ein Raubzug war ihnen meist ein heiterer Spaß, und sie schädigten die Beraubten nicht an Leib und Leben. Ja, es kam vor, daß sie einen Kaufmann, den sie ausgeplündert hatten, noch gastlich auf ihrer Burg bewirteten, damit er sich vom Schreck erhole, und er von ihnen ging, als wäre er zu Besuch da droben gewesen.«

»Und wieso gleichen die Steinacher von heute ihnen, daß man sie auch Schelme nennt? Rauben sie etwa auch?« fragte der junge Mann fröhlich.

»Na, rauben und plündern tun sie freilich nicht, sie sind ehrlich, einer wie der andere, aber für einen lustigen Spaß sind sie immer zu haben,« erwiderte der Alte lächelnd. »Die Steinacher sind ein sangesfrohes, heiteres Völkchen, und weil sie Sinn für Scherz und Fröhlichkeit haben, leben auch noch die Geschichten der Schelme in ihrer Erinnerung. Es geht damit wie bei manchen Dingen: das Schlimme wird vergessen, das Gute bleibt in der Erinnerung haften.«

»Jetzt ist Steinach ganz verschwunden!« Der junge Mann rief’s bedauernd, denn auch das letzte Zipfelchen der weißen Blütenstraßen verhüllte nun die Ferne. »Man muß einmal hinfahren und den Spuren der Schelme nachgehen.«

Der alte Herr sah den jungen Mann, der blaß und schmal war, prüfend an. »Ein paar Wochen in Steinach täten Ihnen wohl gut. Sichtbare Spuren der Schelme sind nicht mehr viele zu finden. An der Kirche steht außen ein Grabstein aufgerichtet, ein Herr Arnulf von Steinach liegt da begraben. Und weil den die Steinacher alltäglich sehen, erzählen sie die meisten Schelmengeschichten von diesem Herrn Arnulf. Die Burg selbst ist ein Trümmerhaufen, nur ein Turm steht noch halb. Aber natürlich,« der Alte schmunzelte wieder, »liegt oben ein Schatz begraben; die Steinacher sagen es wenigstens.«

»Ich werde den Schatz suchen gehen,« sagte der junge Mann. Er sagte es heiter und seufzte doch dabei, denn er dachte an die kleine, enge Viertreppenwohnung, in der er mit seiner Mutter hauste, und in der es reichlich knapp herging.

»Ja, ja, einen Schatz möchte wohl jeder gern finden, und doch gehen die Menschen an so vielen Schätzen der Welt achtlos vorbei. Just so wie einst Herr Arnulf von Steinach.«

»Wie war denn das?« Der junge Mann machte ein Gesicht, daß der Alte neckte: »Ei, auch auf Geschichten hungrig?«