»Das bedeutet Glück,« schrie Gottlieb unten und entwischte so eilig, daß der lange Schreiber nicht einmal mehr sehen konnte, wer ihn zu Fall gebracht hatte. Der Bäckerbube ging sehr befriedigt zur Schule. Strafe muß sein, dachte er, und mußte dann seufzend diese Erfahrung an sich selbst machen, denn seinem Lehrer rutschte an diesem Tage beim zweiundzwanzigsten Fehler die Hand einmal ordentlich aus und klatschte derb auf Gottliebs Wange nieder. Das war bös und trübte beträchtlich die Morgenfreude.

Gottlieb Käsmodel ahnte nicht, daß er seinem Freund einen schlechten Streich gespielt hatte, denn der Fall auf der Treppe hatte Neumann ordentlich in Wut gebracht, und diese Wut mußte das jüngste Schreiberlein büßen. Beim Eintritt schalt er gleich, es sei nicht ordentlich aufgeräumt worden, dies sei nicht recht und das. Raoul mußte noch einmal kehren, dann mußte er auf alle Aktenschränke klettern und Staub wischen, und er atmete auf, als nebenan der Advokat eintrat. Da wurde es stiller, und er konnte sich endlich an das Pult setzen und schreiben. Er hatte ein endloses Aktenstück zu kopieren: zwei Nachbarn hatten sich um einen Apfelbaum gezankt, von dem jeder glaubte, er sei sein Eigentum. Nun waren die Männer alt und grau geworden, wußten aber immer noch nicht, wem der Apfelbaum gehörte. Der Knabe fand die ganze Sache herzlich langweilig, und trotz aller Mühe, die er sich gab, machten seine Gedanken allerhand Kreuz- und Quersprünge. Gottliebs Erzählung und seine Tat, denn er hatte schnell erraten, daß der Missetäter unten im Hausflur sein Freund gewesen war, hatten seine Gedanken abgelenkt; nun kehrten sie zur Mutter zurück, und eine bange Angst quälte ihn. Es war ihm so seltsam unruhig zumute, daß er unwillkürlich auf seinem Sessel hin und her rutschte.

»An was denkt er denn? Kann er nicht ruhig sitzen?« schrie Paul Neumann ihn plötzlich an. »So'n Trantiegel, so'n Tagedieb! Er schreibt ja, als wär' er 'ne Schnecke. Zeige er mal her, gewiß hat er hundert Fehler gemacht, und ich hab' nachher den Ärger.«

Paul Neumann schrie absichtlich laut, damit es der Advokat nebenan hören sollte, welchen Ärger ihm der Schreibbursche bereitete. Und da er wirklich in der Abschrift einen Fehler entdeckte, brüllte er, am liebsten möchte er die Arbeit dem Jungen um die Ohren schlagen; zur Strafe müsse er über Mittag dableiben und die Sache noch einmal abschreiben.

Raoul zuckte zusammen. Heute, gerade heute, wo die Mutter so gebeten hatte: »Komm schnell heim!« Er warf einen hilfesuchenden Blick auf Karl Wagner, und der nickte ihm ermunternd zu. Wieder wie damals in der Kirche, und seitdem oft in den Wochen, die vorübergegangen waren, fühlte sich Raoul durch den ernsten, stillen Blick des kleinen Verwachsenen getröstet. Der war ihm längst ein guter Freund geworden, dem er all seine Sorgen anvertraute. Etlichemal war Karl Wagner auch Sonntags bei Frau von Steinberg gewesen, und er, der einst ein Arzt hatte werden wollen, aber um seiner Armut willen das Studium hatte aufgeben müssen, wußte bald, daß seines kleinen Freundes Mutter kränker war, als alle ahnten. Er fragte darum besorgt, als der Lange nach einem Weilchen in das Zimmer des Advokaten gerufen wurde: »Was ist heute?«

»Mama geht es nicht gut, sie bat so sehr, ich möchte heimkommen,« flüsterte Raoul zurück.

»Es wird schon gehen,« tröstete der Freund, und dann stand er auf, als Neumann zurückkehrte, und klopfte an die Tür des Advokaten.

»Was soll's?« schrie der Lange, »was will er drinnen?«

Er erhielt keine Antwort auf seine grobe Frage. Still schloß sich die Tür hinter Karl Wagner, und nach einigen Minuten kam er heraus und sagte sanft: »Du sollst heimgehen, Raoul, hast heute frei, Herr Schnabel hat es erlaubt.«

»Da hört doch alles auf!« schrie Neumann empört. »Der faule Strick, der Trantiegel soll frei haben? Nein, das leid' ich nicht!« Er sprang wütend auf, aber Raoul hatte schon seine Sachen genommen und war blitzschnell, mit einem dankbaren Gruß für seinen Helfer, hinausgeflitzt. Er ahnte nicht, daß der kleine Schreiber es übernommen hatte, auch noch seine Arbeit auszuführen, und ihm seine knappen Freistunden opferte.