»Daß dich das Mäuschen beißt,« schrie der Meister verdutzt, »wie kann er denn den Brief gelesen haben, wenn er ihn doch gar nicht gesehen hat? Das ist allweil eine kuriose Sache!«

»Aber, aber der Herr Advokat hat doch den Brief bekommen, von dem französischen Gesandten in Dresden und —«

»Nun schlägt's dreizehn!« Der dicke Bäckermeister fiel fast mit seinem Stuhl um, so heftig setzte er sich nieder, und die Frau Meisterin sank stöhnend auf einen Mehlsack. »Junge, Junge, was redest du da? Woher ist der Brief?«

Und Raoul erzählte. Von dem Bruder seiner Mutter war eine Anfrage nach ihm gekommen. Der Onkel wollte ihn zu sich nehmen und ihn als seinen Sohn erziehen lassen; morgen schon sollte ein Begleiter aus Dresden eintreffen, der ihn nach Paris geleiten würde.

»So,« murrte Meister Käsmodel, »na, da hat ja der Musjeh die Auswahl, ob er in Deutschland bleiben will oder nach Frankreich gehen und vielleicht um den Bonaparte herumscharwenzeln.« Dabei warf er dem Knaben den Brief höchst unwirsch zu. Der las erstaunt. Eine tiefe Glut überzog dabei langsam sein Gesicht. Da stand er am Scheidewege: des Vaters und der Mutter Heimat, sie standen ihm beide offen, und größerer Reichtum, höherer Rang, sie lockten aus Paris, denn Graf Turaillon besaß keine Kinder, er hatte sich bereit erklärt, den Neffen als seinen Erben zu erziehen.

Aber gab es denn noch ein Besinnen da, wo die Mutter ihm selbst den Weg gewiesen hatte? Raoul richtete sich auf, und seine dunklen Augen blitzten. »Nein, Herr Meister, ich werde nie um den Bonaparte herumscharwenzeln. Mein Vater fiel im Kampf gegen ihn, das vergesse ich nicht: ich bin ein Steinberg und will ein Steinberg bleiben.«

»Warte, warte, Bonaparte,« summte Gottlieb und schob sich in die Türe herein, gerade als Raoul seine Antwort gab. Heisa, was war das? Er drängte sich vor und schrie: »Soll's losgehen?«

»Verflixter Bengel, muß er denn seine Nase allweil in alles stecken?« schnauzte ihn der Vater an. Er sah aber nicht böse aus; sein finstres Gesicht hatte sich aufgehellt, und er streckte Raoul froh die Hand hin. »So ist's recht! Deine Frau Mutter selig hätte nicht anders entschieden. Da heißt's nun freilich, sich zur Reise rüsten, hm, allweil — da hilft nichts.«

Ein Besinnen kam Raoul. Der Brief, den ihm der Advokat vorgelesen hatte, fiel ihm ein: morgen schon sollte der Begleiter kommen, der ihn nach Frankreich bringen wollte, und hastig sprach er es aus. »Was wird er sagen, wenn ich nicht mitgehen will?«