»Na, wer nicht will, der will nicht,« entschied Gottlieb kaltblütig und reckte kühn seine freche, kleine Stubsnase hoch.

Dem Meister schien die Sache aber doch nicht so einfach zu sein, er machte ein bedenkliches Gesicht und murmelte: »Dresden ist nahe, und wenn der Herr Graf dort gute Freunde hat, dann könnte es sein, daß sie den Raoul nach Frankreich schaffen, ob er allweil will oder nicht.«

»Dann reiße ich lieber aus,« rief der Knabe empört, »mit Gewalt lasse ich mich nicht nach Frankreich schaffen, nein, nein, nie!«

»Ich reiß' mit aus, hurra, das —« klatsch fuhr die väterliche Hand Gottlieb etwas unsanft auf den Mund, und der Schluß seiner Rede blieb ungesagt. Da ihn die Mutter auch noch vorwurfsvoll ansah und leise fragte: »Ja, hast du denn einen Grund zum Ausreißen?« zog sich der Bube lieber etwas in den Hintergrund der Ladenstube zurück, die Sache mit dem Ausreißen konnte er sich ja noch überlegen.

Meister Käsmodel saß in tiefes Nachdenken versunken da. Vielleicht war es am besten, er ging zu Herrn Schnabel und fragte den um Rat; aber freilich, der Advokat war auch einer von denen, die sich ängstlich hüteten, es mit einem Franzosen zu verderben. Und ein Zögern erschien ihm, je mehr er die Sache überdachte, immer gefährlicher.

»Ich setze mich in die Post und fahre geschwind fort,« drängte Raoul; »ich will nicht nach Frankreich.«

»Die Post nach Berlin fährt morgen früh, und erfährt es der Herr, dann kann man dich im Preußischen allweil aufgreifen,« sagte der Meister nachdenklich. Doch plötzlich fuhr er auf: »Potzwetter, jetzt fällt mir etwas ein: Nachbar Koch fährt heute mittag nach Halle mit seinem Wagen, der nimmt dich schon mit, und von Halle aus fährst du mit der Post weiter, da merkt man's hier nicht; na, und nachher weiß ich ja nicht, wo du gerade bist. Flink, Frau, tummle dich, rüste die Sachen, in einer Stunde muß der Junge aus dem Hause sein.«

»So schnell, du meine Güte, so schnell?« rief die Meisterin erschrocken, und da kam es Raoul erst recht zum Bewußtsein, daß er scheiden mußte von den Menschen, die ihm doch auf der weiten Welt am liebsten waren. Die Verwandten, zu denen er reisen sollte, waren ihm ja so fremd wie die Gegend, in der sie wohnten. Es war gut, daß alles so schnell gehen mußte, da gab es keine Zeit zu Abschiedsgedanken; und daß es recht war, wie es der Meister vorgeschlagen hatte, bestätigte Karl Wagner, der kurz vor seines jungen Freundes Abreise in das Bäckerhaus kam. Herr Schnabel hielt es für Raoul für ein großes Glück, daß sein Onkel ihn zu sich nehmen wollte; er würde gewiß eine schnelle Abreise verhindert haben, hätte man ihn darum gefragt.

»Allweil, jetzt möcht' ich nur wissen, woher der gräfliche Onkel in Paris auf einmal darauf kommt, um den Jungen zu schreiben,« fragte der Meister.

Karl Wagner lächelte ein wenig: »Neumann hat nach Paris geschrieben. Er hat Raoul den Freundschaftsdienst erwiesen, weil er meint, es sei für jeden Menschen am besten, ein Franzose zu sein.«