»O, jetzt verstehe ich's,« rief Raoul, »er hat mich so genau um alles gefragt, und darum war er gewiß auch so freundlich in der letzten Zeit. Gestern sagte er auf einmal, er wolle mein Freund sein.«

»Der muß noch mal Dresche haben,« knurrte Gottlieb wütend, »der ist so falsch wie — wie —«

»Deine Rechenexempel, die stimmen auch nie,« sagte Meister Käsmodel lachend. »Na, ich gönn' dem Musjeh die Enttäuschung. Aber nun los, sonst fährt Nachbar Koch ab. Geschwind, zum Abschied ist allweil keine Zeit mehr, kommt auch nichts dabei raus. Zieh mit Gott, Junge, und vergiß nicht, was du deiner Frau Mutter selig gelobt hast, und vergiß auch nicht, daß die Käsmodels dir allweil gute Freunde sind und bleiben werden. Hier findest du immer einen Platz, eine Heimat, wenn du mal nicht aus noch ein wissen solltest.«

Draußen knallte eine Peitsche, ein langgezogenes Hoiho ertönte, Nachbar Koch wartete vor seinem Hause. Da mußte nun wirklich eins, zwei, drei Abschied genommen werden. Niemand kam mit vor das Haus, der Meister meinte, es sei besser, nicht erst die Neugier der Nachbarschaft zu erregen. Still huschte Raoul mit seinem Bündel hinaus, kletterte auf den Wagen, und fort ging es durch die in mittäglicher Glut und Stille liegenden Straßen. Noch einmal sah sich der Knabe um: da oben, da waren die Mansardenfenster, da hatte die Mutter so oft gesessen. Ein Schluchzen stieg in ihm auf, ein heißer, würgender Schmerz preßte ihm das Herz zusammen, und einen Augenblick war es ihm, als müßte er vom Wagen herabspringen und zurückeilen in das alte Haus, das ihm bis dahin eine Heimat gewesen war. Aber er bezwang sich und schluckte tapfer die Tränen hinab. Mama würde sich freuen, dachte er, sie hat es sich so gewünscht. Er versuchte an die neuen Verwandten zu denken, aber er konnte sich kein rechtes Bild von ihnen machen; seine Gedanken wirrten durcheinander und kehrten immer, immer wieder in das verlassene Bäckerhaus zurück.

Mit finsterem Blick hatte Gottlieb den Freund scheiden sehen. Er zog die Stirn ganz kraus und schob die Unterlippe trotzig vor, damit nur niemand merken sollte, daß ihm der Abschied bitter schwer wurde. Dann, als der Wagen nicht mehr auf der Straße zu hören war, entschlüpfte er und eilte in die Burgstraße; dort in des Advokaten Schnabel Haus stellte er sich wieder in den dunklen Flurwinkel und wartete, bis Paul Neumann kam.

»Schockschwerebrett!« schimpfte der, als er mit einem lauten Plumps wieder die Treppe hinauffiel. Oben in der Schreibstube zeterte er sich seine Wut vom Herzen herunter: »Ich möchte nur wissen, was das für ein infamer Bengel ist, der mir im Hausflur immer ein Bein stellt. Na wehe, wenn ich den erwische! Übrigens, wer weiß, wie lange es noch dauert, dann bin ich die Sache los. Der Graf Turaillon wird mir schon Dank wissen. Vielleicht, vielleicht reise ich auch nach Paris, dort werde ich mehr werden als ein simpler Schreiber!«

Während Paul Neumann so von seinem Ärger und seinen Luftschlössern redete, schlenderte Gottlieb pfeifend und gemütsruhig über den Marktplatz nach Hause. Er spürte gar keine Reue über seine Tat, leid tat ihm nur, daß er Raoul nicht mehr den wohlgelungenen Streich erzählen konnte. Brummig saß er dann lange in seinem Winkel, der Freund fehlte ihm überall, und zuletzt spielte er sogar in der Verzweiflung seines Herzens mit den beiden kleinen Schwestern, etwas, was er sonst sehr unter seiner Würde hielt. Als aber das vierjährige Lottchen fragte: »Kommt Raoul bald?« da warf er unsanft die Puppe hinweg und stürzte davon. Er verkroch sich in der dunkelsten Ecke der Mehlkammer, und dort heulte er so lange, bis der Schmerz von Hunger und Müdigkeit abgelöst wurde und er einschlief.

Am nächsten Tag, so um die dritte Nachmittagsstunde herum, sah Gottlieb endlich, er lag schon lange auf der Lauer, einen feinen Herrn das Haus betreten. Der ist's, dachte er, und schlüpfte eilig in seinen Horcherwinkel hinterm Ofen. Es war auch wirklich der erwartete Begleiter, ein eleganter, geschniegelter Herr. Mit unsäglichem Hochmut schaute er sich in der Ladenstube um, und ein Mehlstäubchen, das auf seinen Rock gekommen war, tupfte er hinweg, als hätte ein giftiges Insekt da Platz genommen. Breitbeinig und fest stand Meister Käsmodel vor dem jungen Mann und erzählte, Raoul sei als Wanderbursch nach Ostpreußen gezogen; von dem Umweg über Halle sagte er freilich nichts.