Diesmal war es anders, und die Versöhnung kam nicht mit solcher Windeseile, wie Gottliebe es gemeint hatte. Tage kamen, Tage gingen, und immer wich Joachim in stummem Trotz der Schwester aus. Er tat es, weil er sich schämte, und dieses Gefühl verbarg er hinter einer beleidigten Miene.
Er hatte rasch alle Lust an dem Tugendbund verloren, aber er wagte es nicht einzugestehen, daß er sich selbst mit seinen Ideen auf einmal sehr kindisch und unreif vorkam. Als das nächste Mal die Verbündeten zusammenkamen, hielt er dann die wildesten, blutdürstigsten Reden, sprach von Freischaren, und daß man, wenn die Franzosen nach Rußland ziehen würden, diese angreifen müßte; er betäubte die mahnende Stimme in seinem Herzen selbst durch seine wilden Worte.
Ich bitt' ihn nicht, wenn er nicht will, dachte Gottliebe, wenn ihr stummes Werben, ihr versöhnliches Entgegenkommen immer wieder zurückgewiesen wurde. Sie litt aber schwer unter dem Zwist mit dem Bruder. Sie wurde darüber still und nachdenklich, und nicht mehr wie sonst schallte ihre Stimme unter denen der Geschwister in hellster Fröhlichkeit heraus. Und weil sie selbst litt, begann sie immer besser zu verstehen, wie einsam und verlassen sich Raoul fühlen mußte. Sie suchte darum immer mehr, dem Vetter Freundlichkeiten zu erweisen, und ließ diesen nicht mehr so allein seines Weges gehen.
Pfarrer Buschmann, der viel in der Welt seiner Bücher lebte, freute sich darüber. Der sanfte, stille Mann ahnte nichts von dem unter den Geschwistern ausgebrochenen Streit, er dachte, nun würde Joachim bald dem Beispiel seiner Schwester folgen. Er lächelte darum auch nachsichtig und milde, als Gottliebe an einem sonnenhellen Nachmittag ziemlich ungestüm in die Bücherstube eindrang mit dem Ruf: »Kommst du mit nach Langenstein, Raoul?«
»Warum willst du denn so eilig dorthin, Liebe?« fragte Josua Buschmann und sah das errötende Mädel freundlich an.
Gottliebe hatte nicht gewußt, daß der Pfarrer anwesend war, und sie erzählte etwas verlegen: »Großmutter möchte von Jungfer Mahdissen allerlei haben, und weil Heinrich gerade nach Langenstein fährt, soll ich selbst mitfahren und alles holen.«
Jungfer Mahdissen war ein kleines, ältliches Persönchen. Sie besaß ein Lädchen, in dem es Zwirn, Nadeln, Wolle, auch allerlei Stoffe, Bänder und Perlen gab. Zu ihr gingen die Steinbergschen Mädchen himmelgern, der Laden — es war eine kleine Stube mit einer Türe nach dem Flur, an der ein Glöckchen bimmelte, wenn jemand kam — barg so viele Herrlichkeiten, alles darin erschien den jungen Dingern wundervoll, und Liebe in ihrer stürmischen Art hatte schon oft gewünscht: »Ich möchte einen Laden haben wie Jungfer Mahdissen!«
Seit Karoline von Prillwitz einmal die Kostbarkeiten des Lädchens ein wenig naserümpfend betrachtet hatte, meinte auch Gottlobe, es sei nicht mehr so reizvoll, zu Jungfer Mahdissen zu gehen, und so hatte sich Gottliebe allein erboten, für die Großmutter einzukaufen. Nachher hatte es den andern freilich leid getan, und sie wären gern mitgefahren, obgleich nur der alte Kastenschlitten benutzt wurde, aber Liebe, ärgerlich über Karolines Putenhaftigkeit, wie sie das Urteil der Base nannte, erklärte schnippisch: »Großmutter hat mir den Auftrag gegeben, nicht euch!«
»Ist auch besser,« spottete Line, »wir haben wichtigere Dinge vor.« Sie meinte damit eine Sitzung des Tugendbundes, die am Nachmittag stattfinden sollte, und Liebe, die sie wohl verstand, wurde blutrot und lief wütend hinaus. Sie ärgerte sich jedesmal, wenn sie an den Tugendbund dachte, und daß sie nicht dabei sein durfte, und vor lauter Schmerz und Ärger, und weil sie sich ganz verlassen fühlte, rannte sie, um Raoul zu holen.
»Also zu Jungfer Mahdissen,« sagte der Pfarrer schelmisch, »da fahre nur mit, Raoul, und sieh dir das Zauberreich an. So etwas Schönes hast du gewiß noch nie gesehen. Vergiß nur das Wiederkommen nicht, Liebe, und grüß mir die Jungfer auch.«