»Ja geh, geh nur schnell, geh zu Raoul, du — du Franzosenfreundin du!« rief Joachim empört.

Einen Augenblick starrte Gottliebe den Bruder an, als wollte sie auf ihn losspringen, dann warf sie die blonden Locken in den Nacken und verließ lachend das Zimmer. Draußen aber stürzten ihr jäh die Tränen aus den Augen, und ein paar Sekunden lehnte sie fassungslos an der Wand. Dann eilte sie in das obere Stockwerk; dort gab es ein Kämmerchen, das nur zum Aufbewahren getrockneter Kräuter gebraucht wurde. Gottliebe hatte hier schon manchen Kummer verweint, und das dämmrige Kräuterkämmerchen war ein rechter Schmoll- und Trostwinkel für sie geworden. Sie weinte sich auch an diesem Tage die Last vom Herzen, und als sie genug geweint hatte, schüttelte sie sich wie ein ins Wasser gefallenes Kätzchen und sagte, überzeugt, daß bald alles wieder gut sein werde, ein paarmal in die kräuterduftende Stille hinein: »Der dumme Tugendbund ist an allem schuld, der dumme Tugendbund!«

»Wir wollen Gottliebes Namen ausstreichen,« sagte Joachim bedrückt, als die Schwester das Zimmer verlassen hatte. Er ergriff den Gänsekiel und strich den Namen aus, und dabei klangen in ihm die Worte nach: »Es ist ja Kinderei!« Hatte die Schwester vielleicht recht?

Joachim hatte viel durch einen Oheim von dem Königsberger Tugendbund gehört, dessen Auslösung König Friedrich Wilhelm III., dem französischen Drucke nachgebend, im Dezember 1809 verfügt hatte. Alle echten Vaterlandsfreunde waren durch diese Auflösung schmerzlich betroffen worden, auch in Hohensteinberg hatte man bitter darüber geklagt. Joachim sah auch die Not des Vaterlandes. Fest wurzelten in seiner Erinnerung noch die Schrecken des Kriegswinters von 1806/07, und in seinem jungen, feurigen Herzen reifte so der Plan, etwas zur Befreiung des Vaterlandes zu tun, irgend eine stolze, mutige Tat auszuführen. In den beiden Berkows fand er Gesinnungsgenossen. Alle drei schmiedeten schon lange abenteuerliche Pläne und gründeten endlich zusammen einen Bund, den sie mit einem gewissen Trotz den »Tugendbund« nannten, und für den sie eine glänzende Zukunft träumten. Weil Fritz von Berkow gemeint hatte, ein Bund müßte viele Mitglieder haben, und es auf den umliegenden Gütern wenig Altersgenossen gab, hatten die Brüder mit viel gnädiger Herablassung die Schwestern zum Beitritt aufgefordert, obgleich Helene von Berkow gleich sagte, die Sache wäre doch ein wenig unheimlich und vielleicht auch unrecht.

»Was sollen wir nun eigentlich tun?« fragte Karoline plötzlich gelangweilt; sie fand, Joachim brauche recht viel Zeit, Gottliebes Namen auszustreichen.

»Warten, bis die Zeit kommt. Ihr Frauenzimmer seid auch immer ungeduldig!« rief Arnold von Berkow ärgerlich.

»Ja, wir wollen etwas tun,« rief Fritz, dem die lange Pause auch nicht gefiel. »Joachim, mache einen Vorschlag, was wollen wir zuerst beginnen? Auch ein Freikorps bilden wie der Schill? Heisa, das sollte ein Kämpfen werden!«

Joachim klappte langsam das Buch zu und starrte den Freund an. Das war ein schmalbrüstiger, überlanger Junge, dessen wasserblaue Augen nicht gerade geistreich dreinsahen. Der ein zweiter Schill! Er hätte lachen mögen, so töricht kam ihm auf einmal die Sache vor, und dabei rötete sich doch seine Stirn vor Scham und Ärger. Hastig warf er das Buch in seine Truhe und rief ungeduldig: »Für heute ist's genug, ich schließe die Versammlung! Am Mittwoch treffen wir uns des Nachmittags im Freundschaftstempel, da sind wir ungestört.«

Die andern stimmten Joachims Vorschlag zu, Gottlobe und Karoline zwar etwas verstimmt über Gottliebes Austritt, sie wagten aber nicht recht, ihre Partei zu nehmen, und so verließen sie alle die Stube — die erste Sitzung des Tugendbundes hatte ihr Ende erreicht.

Nach einem Streit hatten sich sonst die Geschwister wohl noch ein bißchen angeknurrt oder waren ein paar Stunden um einander herumgegangen wie Muja, die Hauskatze, um ihre Suppenschüssel, wenn ihr der Dampf zu heiß ins Näschen stieg, aber dann hatte Liebe ein wenig geblinzelt, Joachim hatte irgend etwas Unverständliches geknurrt, und auf einmal hatten dann beide gelacht, herzlich befreiend, und die Schwester war wohl dem Bruder um den Hals gefallen, oder der hatte lachend die blonden Locken gezaust.