»Es geht nicht,« rief Joachim heftig, »er ist doch ein halber Franzose und ein Schleicher und Heimlichtuer dazu! Der gehört nicht in unsere Gesellschaft.«
Gottliebe stieß mit ihren Füßchen, die in schwarzen Kreuzbänderschuhen und weißen Zwickelstrümpfen steckten, nachdrücklich an die Truhenwand. »Er ist ein Steinberg wie wir, und ein Schleicher ist er nicht, und es ist abscheulich, daß wir ihn nicht in den Tugendbund aufgenommen haben. Wir behandeln ihn alle schlecht, und du bist am allerschlechtesten zu ihm.«
»Aber Liebe!« sagte die sanftere Gottlobe erschrocken, und Joachim warf der Schwester einen strafenden Blick zu.
»Frauenzimmer haben zu schweigen, wenn Männer reden,« rief Arnold von Berkow mit dem ganzen Stolz seiner fünfzehn Jahre. Gottliebe lachte hell auf. »Zwei Jahre bist du älter und redest wie ein Uralter; dabei sagt der Herr Pfarrer, deine Exerzitien wären voller Fehler,« spottete sie. Das Lachen steckte an, Karoline hielt sich kichernd ihre schwarze Taftschürze vor das Gesicht, und Gottlobe quiekte vor Vergnügen.
»Siehst du, Joachim,« rief Arnold erbost, »ich habe es immer gesagt: die Mariellen stören unsern ganzen Bund.«
»Sei doch nicht so ungalant,« sagte Karoline schmollend und verzog ihr hübsches Gesicht. Gottliebe aber sprang lachend auf. Schlank und feingliedrig stand sie da, wie goldene Fäden schimmerten ihre blonden Haare, ihre blauen Augen blitzten übermütig, und mit einem tiefen Knicks verneigte sie sich schelmisch vor Arnold von Berkow und sagte neckend: »Ich, ein Frauenzimmer, bitte um Verzeihung, daß ich hier bin und Luft schnappe, happ, happ!« machte sie dazu.
Arnold sah sie halb lachend, halb ärgerlich an, aber Joachim rief drohend: »Du bist ein Irrwisch, Liebe. Wenn du nicht still bist, wirst du hinausgesteckt!«
»Pah, du Brummbär!« sagte Gottliebe leichthin.
»Geh lieber hinaus — geh doch zu Raoul!« schrie der Bruder heftig. Blitzschnell verschwand bei diesen Worten der Ausdruck heiterer Schelmerei aus Gottliebes Gesicht; mit zornsprühenden Augen maß sie den Bruder, und wie sie beide so nebeneinander standen, da glichen sie sich Zug um Zug, beider Augen schimmerten fast schwarz vor Zorn.
»Liebe, aber Liebe, Joachim, zankt euch doch nicht!« rief Gottlobe ängstlich. Sie wußte schon, wenn Bruder und Schwester aneinander gerieten, gab es, trotz aller Liebe, heftige Worte. Doch Gottliebe warf den Kopf zurück und sagte trotzig: »Ich gehe. Gründet ihr alleine euren Tugendbund. Es ist doch Kinderei — ihr wißt ja gar nicht, was ihr wollt!«