Von Leipzig hatte Raoul noch keine Nachricht wieder. Er hatte einmal an Gottlieb und Karl Wagner geschrieben, sein Brief hatte traurig geklungen, und er hatte ihn lange liegen lassen, ehe er ihn absandte. Als er dann fort war, dachte er freilich oft: Wenn sie doch antworteten, mir erzählten, wie dort alles ist! Aber die Zeit verrann, der Brief kam noch immer nicht.
An einem Januartag war die Großmutter mit ihren Enkelinnen wieder einmal in Langenstein gewesen, und sie kehrten von der Fahrt zurück, als das erste leise Dämmern begann. Der Gutsherr kam eilig herbei, um seiner Mutter ritterlich beim Aussteigen zu helfen. An seinem Arm führte er sie in das Haus. Es waren Gäste gekommen, und die Erwachsenen saßen in dem Staatszimmer des Hauses.
In der Halle kam Joachim seinen Schwestern entgegen. »Kommt nach oben,« sagte er mit gedämpfter Stimme zu ihnen und Karoline, »ich habe mit euch zu reden.« Ein mißtrauischer Blick streifte dabei Raoul, der gerade dazukam.
Hurtig sprangen die drei Mädchen die breite Holztreppe hinauf, die in das erste Stockwerk führte, und langsam folgte ihnen Joachim.
Raoul starrte ihnen nach. Immer blieb er doch ausgeschlossen, immer allein. Jetzt hatten die andern wieder ein Geheimnis vor ihm, er merkte es an ihrem Flüstern und Tuscheln, an ihren verlegenen Mienen, wenn er plötzlich zu ihnen trat. Und wieder dachte er, wie er so verlassen in der Halle stand: Ich könnte weit weggehen, weit weg, und niemand würde mich vermissen.
Während sich Raoul in seinem Zimmer in ein Buch vertiefte, saßen in Joachims Kammer die andern Kinder mit den drei Berkows zusammen, denn auch Helene von Berkow, ein kräftiges, frohes Mädel von dreizehn Jahren, war mitgekommen. Die vier Mädchen hockten eng aneinandergeschmiegt wie drei Spätzlein auf dem Dachfirst auf einer großen, buntbemalten Truhe; Joachim selbst hatte seinen Platz aus dem einzigen Stuhl, der sich in dem Zimmer befand, während seine Freunde auf dem Bett saßen.
»Hiermit haben wir also heute den Tugendbund gegründet,« sagte Joachim und schlug kräftig auf ein kleines, grünes Buch, das vor ihm auf dem Tische lag. Auf der ersten Seite des Buches stand: »Gut preußisch alleweg,« darunter: »Heute wurde allhier der Tugendbund gegründet. Hohensteinberg, am 17. Januar 1812.« Auf der nächsten Seite stand: »Wir geloben alles, was in unserer Kraft steht, zum Wohle des Vaterlandes zu tun.« Arnold von Berkow hatte noch trotz des allgemeinen Widerspruchs darunter geschrieben: »Fluch Bonaparte, und Verderben allen Feinden des Vaterlandes!« Zuletzt kamen die Namen, und wohlgefällig besahen sich nun alle das Buch.
»Und es ist doch unrecht, daß wir Raoul nicht mit dazu nehmen,« sagte Gottliebe plötzlich, nachdem sie eine Weile schweigsam dagesessen hatte.