Der Pfarrer schüttelte den Kopf und erzählte wieder, was Raoul ausgerufen hatte. »Da klang ein tiefes Leid heraus. Ich weiß es nicht, aber mir ist es schon manchmal seltsam vorgekommen, daß Raoul damals so schnell kam, sich gar nicht nach der Anordnung seines Oheims gerichtet hat. Vielleicht hatte er einen Grund.«

Ein feines, kühles Lächeln umspielte die Lippen der alten Frau. »Lieber Buschmann, Sie sind ein Idealist und sehen mehr in dem Jungen, als in ihm steckt. Er ist ein Trotzkopf, das habe ich schon damals auf der Landstraße gemerkt. Darin gleicht er seinem Vater, aber freilich,« sie seufzte tief, »der war ehrlich und offen, und Raoul ist hinterhältig und verstockt. Vielleicht hat die Umgebung, in der er gelebt hat, auch einen schlechten Einfluß auf ihn gehabt, obgleich dieser Meister Käsmodel in Leipzig brav und ehrlich nach seinen Briefen schien. Ich will aber an Ihre Worte denken und mich meines Enkelsohnes mehr annehmen. Vielleicht gelingt es doch, ihn mehr zu einem Steinberg zu erziehen, zu einem echten deutschen Mann.«

Der Pfarrer neigte still das Haupt. »Solche brauchen wir in dieser Zeit, und vielleicht steckt in manchem ein Held, der stille seines Weges geht, und die Zeit enthüllt wohl das Gute, das verborgen ist.«

[Sechstes Kapitel.]
Der Tugendbund wird gegründet.

Weihnachten kam und ging vorbei. Es war ein stilles Fest in diesem Jahr, an dem die Sorgen nicht schwiegen. Teuerung im Lande und der Krieg in Aussicht. Was sollte da erst werden, wenn die französische Armee nach Rußland zog, wenn all die Tausende den Weg durch Deutschland nahmen? Immer lauter klang die Frage, immer fühlbarer wurde allen die Schmach, immer drückender empfand man das Joch der Fremdherrschaft.

Hohensteinberg lag im Winterschlaf, und im Hause ging alles seinen stillen Gang weiter. Raoul war noch immer ein Fremdling im Hause, nur mit Gottliebe sprach er manchmal vertraulicher. Ihr hatte er von Gottlieb erzählt und von der Mutter. Da hatte Gottliebe plötzlich ihre Arme um seinen Hals geschlungen und gerufen: »Wie lieb muß die gewesen sein!« Seitdem war Raoul dem Bäslein im innersten Herzen zugetan, und wenn er es auch noch nicht fertig brachte, ihr von allem zu erzählen, so gab es doch manche heimliche Plauderstunde zwischen beiden, und Raoul empfand Gottliebes Freundschaft als besonderes Glück, und seitdem ertrug er die offene Feindschaft Joachims etwas leichter. Auch zu seiner Tante Maria und zu dem Pfarrer trug er eine stille Zuneigung im Herzen, aber immer wieder verschloß ihm eine unerklärliche Scheu den Mund, und die Großmutter sagte manchmal zürnend, wenn sie es in ihrer herben Art wieder versucht hatte, Raouls Vertrauen zu gewinnen: »Der ist doch von anderer Art.« Dann war sie so schroff und abweisend gegen den Knaben, konnte ihn so hart anlassen, daß sie wieder zerstörte, was Frau Marias Milde, Gottliebes zärtliche Freundschaft und Pfarrer Buschmanns klare Güte nach und nach aufgeweckt hatten. Und wie die Mutter dachte der Sohn; auch er wurde kühler und kühler gegen den Neffen, auch er sagte oft. »Er ist von anderer Art.«