Pfarrer Buschmann lächelte linde, der kleine, zukünftige Friedensengel hatte doch noch recht viel zu lernen für sein Amt. »Mir scheint, Mariellchen,« sagte er, »du platzt recht oft, mal vor Wut, mal vor Neugier, mal vor Ungeduld, und schließlich werden wir doch einmal zu Meister Schramm nach Langenstein fahren müssen und dir einen Reifen umlegen lassen, oder die Flickmareike muß dich zusammennähen. Nimm dich nur in acht, sonst sehen wir alle nie etwas von dem Friedensengel.«
Halb lachend, halb weinend gelobte Gottliebe Besserung. »Ich geh nachher gleich zu Achim und bitte ihn, er soll gut sein,« sagte sie, »denn wenn er brummt, kann ich ihn doch nicht versöhnen, und zu Raoul will ich schrecklich nett sein.«
Nach ihrer Heimkehr fing Gottliebe gleich mit der Nettigkeit an, sie raste in Joachims Zimmer und fand dort die Berkows. Das kümmerte sie wenig. Mit einem lauten Schrei fiel sie dem Bruder um den Hals und bettelte: »Sei wieder gut, ich hab's ja nicht böse gemeint, und natürlich bist du viel, viel besser als alle andern.«
Joachim wollte zwar brummen, es tat ihm aber doch sehr wohl, daß ihn die Schwester in Gegenwart der Freunde so leidenschaftlich um Verzeihung bat. Er vergaß rasch, daß er eigentlich den Zank hervorgerufen hatte und die Hauptschuld trug, und sagte gnädig: »Na, laß nur, Liebe, es ist schon alles wieder gut. Aber nun geh, wir haben etwas zu besprechen. Vielleicht bekommt ihr Mariellen es auch bald zu erfahren, es ist etwas sehr Schönes, sehr Hohes, sehr Wichtiges. Erst müssen wir Männer es aber allein bereden.«
Beinahe wäre Gottliebe nun vor Lachen über die »Männer« geplatzt, aber sie bezwang sich, dachte an Pfarrer Buschmanns Mahnung und schlüpfte, die Schürze vor dem Gesicht haltend, hinaus. Draußen kicherte sie vergnügt hinter der Schürze und raste die Treppe hinab, dabei rannte sie beinahe Jungfer Rosalie um. Die Jungfer war eine wichtige Person in Hohensteinberg; sie waltete neben der Hausfrau in Haus und Hof und nichts entging leicht ihren scharfen Blicken, keine Unordnung, keine Nachlässigkeit blieb ungerügt.
»Hui,« brummte diese, »verdreht!« Die ältere, sehr hagere Person richtete sich nach dem Sprichwort: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold, und schien eine wahre Abneigung gegen Silber zu haben. Wenn sie einmal mehr als zehn Worte hintereinander sagte, staunte das ganze Haus. Trotzdem führte sie in der Küche ein scharfes Regiment, und wenn sie ein Wort sagte, so war das oft so gut wie eine lange Strafpredigt. Auch Gottliebe entfloh ihr heute eilig, die Jungfer hatte so grimmig dreingesehen, daß es wohl besser war, nicht in ihre Nähe zu kommen. Doch kaum war sie ein paar Schritte gelaufen, da fiel ihr ein, Jungfer Rosalie könnte ihr doch einen Apfel geben. Diesen Apfel könnte sie Raoul bringen, und Raoul würde sich darüber freuen, und dann würden sie zusammen plaudern. Sie lief also hinter der Jungfer her, faßte sie am Rockzipfel und bettelte: »Schenk mir einen Apfel!«
»Jetzt?« Die Jungfer sah Gottliebe nur an, und hinter dem »Jetzt« meinte diese zu hören: »Jetzt ist es gar keine Zeit, Äpfel zu fordern. Äpfel sind Leckerbissen in dieser Zeit, und es ist sehr viel verlangt und sehr unbescheiden, so mitten am Tage einen Leckerbissen zu verlangen.«
»Ach Jungfer Rosalie, zuckersüße Jungfer Rosalie,« flehte Gottliebe, »es ist ja für Raoul, weißt du. Der arme Raoul ist traurig; Achim war so garstig zu ihm, und ich glaube, der arme, arme Raoul ist sehr unglücklich bei uns, und Herr Pfarrer Buschmann hat gesagt, ich möchte doch ein Friedensengel sein.«
»Schnapp!« knurrte die Jungfer, der die Rede viel zu lang war, aber dann nahm sie ihr Schlüsselbund und suchte sehr nachdrücklich einen Schlüssel, in dem Gottliebe sofort den zur Apfelkammer erkannte. Sie lief, selbst erstaunt über ihren schnellen Erfolg, vergnügt hinter der Jungfer her und erhielt auch wirklich den gewünschten Apfel, sogar einen besonders schönen roten. Sie ahnte nicht, daß Jungfer Rosalie ein tiefes Mitleid für den blassen Fremdling im Herzen trug. Sie bewohnte nämlich die Kammer neben Raouls Stube, und schon manche Nacht war das heiße, sehnsüchtige Schluchzen des Knaben an ihr Ohr gedrungen. Man muß ihm gut tun, dachte sie, und sie war froh, daß Gottliebe den gleichen Wunsch hegte. Sie drehte sich daher an der Tür noch einmal um und sagte: »Recht, daß d' gut bist!«
Zur selben Stunde sprach auch Josua Buschmann der Kammerherrin davon, daß man Raoul gut tun müsse. Die alte Dame hörte ihn schweigsam an, aber der herbe Ausdruck ihres Gesichts milderte sich nicht. Endlich sagte sie kühl: »Ich glaube, Sie irren sich, lieber Buschmann. Der Junge ist von anderer Art; er mag im Herzen doch mehr der Nation seiner Mutter angehören und fühlt sich darum fremd hier. Das macht ihn still und verschlossen.«