Raoul fand freilich die Herrlichkeiten der kleinen Ladenstube nicht so überwältigend, aber Gottliebe schaute sich einmal wieder in hellem Entzücken in dem Raume um, sie wurde auch von der Besitzerin mit sehr viel Freude begrüßt. »Ne—in, trautstes Mariellchen, Demoisellchen, ist das ein Freudchen!« rief Jungfer Mahdissen, die vielleicht um der eigenen Kleinheit willen die Gewohnheit hatte, allen Wörtern ein »chen« anzuhängen. So brachte sie denn Wollchen, Zwirnchen, Nadelchen, Stoffchen und allerlei herbei, pries wortreich die Güte ihrer Ware, nannte Raoul ein allerbastes Junkerchen, weil der Liebe an die Äpfel erinnerte, die die Mutter der Jungfer schickte.
»Nein, so ein Freudchen! Nun ist mir's ganze Tagchen lieb!« schrie die kleine Jungfer und warf vor lauter Freude erst ihr Ellenmaßchen, dann ihr Scherchen und zuletzt das ganze Bandchen unter das Tischchen. Nachher öffnete sie noch auf Gottliebes Bitten allerlei Kästen, zeigte Perlen und Bänder, angefangene spinnwebfeine Stickereien und behauptete kühn, »in ganz Parischen gäbe es nicht solche Sachchen,« was Liebe glaubte, aber Raoul etwas bezweifelte.
»Und so wundervolle Hauben kann Jungfer Mahdissen nähen,« rühmte Liebe deren Kunst dem Freund.
Eine tiefe Glut färbte jäh das Gesicht des Knaben, dann strömte das Blut schnell zurück, und Raoul sah noch bleicher und ernster aus als sonst. Die Erinnerung an die Mutter war ihm gekommen, wie sie — krank — Haube um Haube zierlich fein genäht und gefältelt hatte. Hastig bat er: »Wir sollten noch zum Posthalter gehen. Liebe, komm!«
Jungfer Mahdissen hätte die beiden gewiß nicht fortgelassen, wenn nicht eine Magd gekommen wäre, um für einen Groschen Zwirn zu kaufen; da nahm sie wortreich, mit sehr vielen »chens« Abschied von den Kindern. Draußen fragte Liebe: »Gefiel's dir nicht bei der Jungfer Mahdissen?«
»Doch!« sagte Raoul, und während sie beide den Weg aus dem schmalen Gäßlein, das den wunderlichen Namen »Katzenwinkel« trug, nach dem Marktplatz antraten, erzählte Raoul, wie fein und fleißig seine Mutter Hauben genäht hatte.
»Oh, du,« rief Gottliebe in ihrer warmherzigen Art, »wie gut, wie schrecklich gut muß deine Mutter gewesen sein! Weißt du, ich habe sie lieb. Ach, lebte sie doch noch, könnte ich sie einmal sehen!«
Raoul blieb stehen und sah das Bäslein dankbar an: »Du bist auch gut, Gottliebe, du und Pfarrer Buschmann, ihr seid gut zu mir.«
»Doch auch die Eltern, die doch auch!«
»Ja,« sagte Raoul mit leisem Zögern, »aber — dein Vater mag mich nicht leiden und die Großmutter auch nicht; von Joachim und Lobe sag ich erst gar nichts, und weißt du, es wäre viel, viel besser, ich ginge wieder fort.«