»Aber Raoul,« rief Liebe entsetzt. So hatte der Vetter ihr noch nie gezeigt, wie tief er litt, und ihr Herz floß über von innigem Mitleiden. Sie faßte Raouls Hand und gelobte, während ihr die hellen Tränen über die Wangen liefen: »Ich behalte dich immer, immer lieb, Raoul, du bist mein Bruder, und paß auf, die andern gewinnen dich auch lieb. Der Herr Pfarrer sagt es auch. Aber du darfst nie weggehen, nie! Versprich mir das, bitte, bitte!«

»Nein,« sagte Raoul leise, aber fest, »das kann ich dir nicht versprechen,« und sehnsüchtig sahen seine Augen die schmale Straße entlang, durch die sie schritten. Könnte er sie doch hinab gehen, zur Stadt hinaus, immer westwärts, Leipzig zu! Er schwieg aber davon, sagte jedoch tröstend: »Liebe, ich bin ja noch da, aber wenn du weinst, reiße ich gleich aus!«

Husch kam gleich das Lachen, wie Sonnenschein flog es über Gottliebes bewegliches Gesichtchen. Sie ergriff die Hand des Vetters und eilte lachend mit ihm schnell die Straße hinab über den Marktplatz hin.

Postmeisters Minettchen sah die beiden vom Fenster aus kommen. »Frau Mutter,« rief sie, »Gottliebe von Steinberg kommt, und sie lacht wieder, daß ich's beinahe höre!«

»Ei, sieh da, und der Französische ist auch dabei,« sagte der Herr Rentmeister Meldeling, der gerade bei Postmeisters einen Besuch abstattete.

In der Stadt war dieser kleine, immer lächelnde Mann nicht sehr beliebt; niemand hatte rechtes Zutrauen zu ihm, da er allgemein als Franzosenfreund galt. Er kniff die Augen zusammen und lächelte höhnisch: »Ja, ja, die vornehmen Herrschaften sind alle Tage lustig, Sorgen kennen die nicht!«

»Da ist Er schief gewickelt, — Er — —« Grasaffe — — wollte die Frau Postmeisterin sagen, sie schluckte aber das letzte Wort noch rechtzeitig herunter. »Die Steinberger Herrschaften leben nicht lustig, wenn es andern Leuten schlecht geht; sie haben ein Herz für die armen Leute, und — gut deutsch sind sie auch gesinnt.«

Das Wort klang dem Rentmeister übel in den Ohren, denn er war auch einer von denen, die sich der deutschen Art schämten. Er verabschiedete sich darum sehr eilig, aber an der Türe traf er doch noch mit den jungen Steinbergs zusammen. Er grüßte Gottliebe übertrieben höflich und schaute Raoul forschend und prüfend an.

»Der Mensch ist mir doch in der Seele zuwider,« rief die Frau Postmeisterin, nachdem sie die Eintretenden begrüßt hatte, »rein schlimm kann mir von seinem dummen Lächeln werden. Immer fragt er nach tausend Dingen, die ihn den Kuckuck was angehen. Mein Mann traut ihm auch nicht über den Weg, er sagt, er hält es mit den Franzosen. Und das ist einmal wahr: im schlimmen Jahr, als die Franzosen hier in Haufen durchzogen, da katzbuckelte er nur immer um sie herum und bonjourierte und dienerte in einem fort. Der stiftet noch mal ein Unheil an, das sage ich und —,« da brach die redselige Frau jäh ab, denn ihr fiel ein, daß ihr Mann sie immer ermahnte, nicht alles zu sagen, was sie dachte.

»Man könnte sich ordentlich fürchten,« sagte Gottliebe nachdenklich: »Mein Vater sagte erst neulich, der Rentmeister habe einen besonderen Haß auf ihn; ob das wahr ist, Frau Postmeisterin?«