»Hassen, das ist schon möglich, aber was kann das schaden?« meinte die Postmeisterin. »Dem gnädigen Herrn von Steinberg kann der falsche Mensch ja doch nichts anhaben; auf Hohensteinberg geschieht nichts, was nicht jeder wissen kann.«
Sekundenlang sahen sich Vetter und Base an, beide dachten bei diesen Worten: der »Tugendbund,« und beide durchrieselte eine leichte Angst. War es doch vielleicht mehr als eine Torheit?
Da kam der Postmeister in das Zimmer und brachte einige Postsachen. »Ein Brief für den Herrn Vater ist dabei,« sagte er, »aus Frankreich kommt er, es steht aber dabei, daß er nur dem Herrn Vater selbst ausgeliefert werden darf. Da will ich heute selbst noch hinauskommen; es muß alles seine Richtigkeit haben, alles hübsch nach der Ordnung!«
»Aber mein Vater ist in Königsberg, er kommt wohl erst morgen zurück,« rief Gottliebe und schaute neugierig auf den Brief. »Aus Frankreich? Ach, Herr Postmeister, ich graule mich.«
Der dicke Postmeister lachte: »Ich glaube gar, das gnädige Demoisellchen denkt, der Brief kommt von Napoleon selbst. Es sind ja viele gute Deutsche drüben, warum soll's davon nicht einem einfallen, an den Herrn Vater zu schreiben? Spekuliere, gar so wichtig wird die Sache nicht sein. Aber vielleicht sagen Sie daheim nichts, die Frau Mutter könnte sonst auch gleich Gespenster sehen. Weiberleut haben das so an sich.«
»Mann,« rief die Postmeisterin empört, »wie kannst du nur so despektierlich von der gnädigen Frau von Steinberg reden!«
»Na, na,« brummelte ihr Mann ein wenig verlegen, »eigentlich meinte ich ja dich. Du witterst ja überall eine Verschwörung und denkst, der Napoleon steckt hinter jeder Türe. Aber halt, da ist auch ein Brief für den Junker, aus Leipzig kommt er.«
Ein Brief aus Leipzig! Raouls Augen blitzten, und verlangend streckte er die Hand nach dem dicken Schreiben aus. Die Adresse da hatte Karl Wagner geschrieben, die klare, feste Schrift kannte er gut. Und wie er den Brief in der Hand hielt, kam die Sehnsucht wieder über ihn nach denen, die ihn lieb hatten, die ihn verstanden. Er konnte es kaum erwarten, den Brief zu lesen, aber trotzdem riß er ihn zu Liebes grenzenlosem Erstaunen nicht gleich auf; er behielt ihn in der Hand, auch als sie beide draußen wieder im Schlitten saßen und im ersten matten Abenddämmern Hohensteinberg entgegenfuhren. »Warum liest du den Brief nicht?« tuschelte Gottliebe dem Vetter zu. »Ich wäre schon geplatzt vor Neugier.«
»Erst versprich mir etwas, Liebe, gute Liebe,« bat Raoul, den Brief noch immer uneröffnet in der Hand haltend. »Erzähl' es niemand, daß ich einen Brief bekommen habe — sonst lachen sie wieder über meine Freunde, über den drolligen Namen, über —« Er zögerte und bat noch einmal: »Sag's niemand!«