»Ich bin stumm wie ein Fisch,« gelobte Gottliebe. »Es ist so fein, daß wir auch ein Geheimnis haben!« Und vor lauter Freude hopste und zappelte sie auf dem harten Sitz des schwerfälligen Schlittens hin und her, und es hätte nicht viel gefehlt, so wäre sie hinausgefallen. »Aber nun lies nur, lies, und dann, — bitte, bitte, mir sagst du doch, was drin steht?«

Raoul erbrach den Brief und las, während ein tiefrotes Glühen, der Widerschein der sinkenden Sonne, auf den Schneefeldern lag. Karl Wagner hatte geschrieben, einen klugen, herzlichen Brief, daß es nun ganz anders in der Schreibstube sei, der lange Neumann sei auf und davon gezogen. Er schrieb auch, er habe das Grab von Raouls Mutter manchmal aufgesucht und zuletzt Tannenzweige aus dem Universitätswald hingetragen; daneben sei ein frisches Grab: das kleine Lottchen von Meister Käsmodels sei gestorben, und die Eltern seien gar traurig um den Verlust des lieben Kindes. Der Schluß lautete: »Dein Brief klang nicht froh, Raoul, er klang nach Heimweh und Einsamkeit. Verzage nicht, wenn Dir die Heimat Deines Vaters nicht gleich Heimat wird, sondern Dir noch eine Weile fremd bleibt, eine Heimat gewinnt man nicht im Sturm. In Deiner Mutter Heimatland wärest Du vielleicht noch weniger glücklich gewesen, und der äußere Glanz hätte Dich auch nicht beglückt. Du tatest nach dem Willen Deiner Mutter: der Gedanke muß Dich trösten und aufrichten. Kopf hoch und mutig voran!«

»Wie gut er schreibt, dein Freund!« flüsterte Liebe. »Aber was meint er damit, von der Heimat deiner Mutter und dem äußeren Glanz?«

»Ich erzähle es dir später einmal,« sagte Raoul und schob den Brief in seine Tasche. Es war noch einer darin, und er ahnte, daß der von Gottlieb kam, und eine ihn wieder ergreifende Scheu hielt ihn ab, auch diesen Brief der neuen Freundin zu zeigen.

»Na, wenn ich nicht platze, so voll von Geheimnissen wie ich bin!« sagte Liebe nachdenklich, als der Schlitten sich wieder dem Schlosse näherte. »Es ist wirklich schwer. Bitte, Raoul, knuffe mich immer, wenn ich den Mund auftue, weißt du, sonst fährt mal was raus, ich weiß hinterher nicht wie!«

Der Knabe versprach das Knuffen gern, er hatte es aber nicht nötig: Gottliebe hielt an diesem Abend ihren Mund ängstlich geschlossen, sie war so schweigsam, daß es selbst der Großmutter auffiel; nicht einmal eine begeisterte Schilderung von Jungfer Mahdissens wundervollem Laden erfolgte. Und da auch Raoul schwieg, selbst mit Liebe nicht sprach, erklärte Joachim nachher den beiden anderen Mädchen mit grimmiger Freude: »Sie haben sich miteinander gezankt.«

Raoul aber las am Abend in der Stille seiner Kammer Gottliebs Brief, der nun nicht gerade ein Muster von Orthographie und Schönschrift war. »Lieber Raoul,« schrieb der Freund, »es ist fürchderliche Lankeweile seidtem daß Du fohrt bist und auch trauhrich denn unser Lottchen ist gestorben und wir sind alle trauhrich. Ich heuhle auch Mannichmal und habe keine Luhst mehr Lateinisch zu lernen, ich pleibe auch sihtzen. Raoul, komme doch nur wieder dann geht es allmahl besser. Vater sagt daß auch, reiße nur aus wenn sie Dich schlecht behanteln, den Weg weist Du ja schon und ich schicke Dir einen Thaler damit Du essen kannst. Reiße aus, reiße aus. Der lange Neumann ist fohrt und kann nicht mehr die Trepe rauf fallen. Reiße aus und alle grühsen Dich fielemahl.

Dein gantz getreuer liehber Freund Gottlieb.

Ich habe auch immer lauder Viehren und sie sagen ich bin am faulsten, aber es ist nicht war, Berger ist fiel fauhler und schreibt noch schlechter und macht noch mer Pfehler, wenn du komst geht es gewiehs besser.«