Am übernächsten Tag aber stand Annedore dann doch an dem Zug, in den die Sternbübles stiegen, um heimzufahren, und der Abschied wurde ihr bitterschwer. Den Buben auch. Trotzdem taten sie, als wäre Abschiednehmen eine höchst vergnügliche Sache. Onkel Fritz hatte nämlich gesagt: „Buben weinen nicht auf Bahnhöfen.“ Und weil Mathes und Peter nicht weinen wollten, lachten sie; sie grinsten ganz fürchterlich und seufzten schwer, denn die dummen Tränen saßen ihnen schon in den Augen und wollten rinnen.

Tante Eva war ein bißchen ängstlich, das Alleinreisen gefiel ihr nicht. Sie gab allerlei Ermahnungen, aber zwei Buben, die vierzehn Tage in einer großen Stadt waren, können doch allein wer weiß wohin fahren! Mathes und Peter hatten das Gefühl, ungeheuer klug und welterfahren zu sein; sie kletterten in das Abteil hinein, wieder heraus, wieder hinein, wie zwei, die jeden Tag eine Reise tun. Doch nun ertönte ein schriller Pfiff. Der Schaffner schrie: „Einsteigen!“

Die Türen wurden zugeschlagen, der Zug setzte sich in Bewegung.

In diesem Augenblick erschien den Buben der Abschied doch eine schreckliche Sache zu sein, sie heulten laut, winkten mit den Taschentüchern, und Eva lief erschrocken am Zuge entlang. „Fallt nicht heraus, fallt nicht heraus!“ mahnte sie.

Mathes und Peter fielen nicht heraus, sie hörten auch auf zu weinen, und weil es ihnen aus Kummer sehr unbehaglich ums Herz war, fingen sie an zu schmausen. Hulda hatte gut vorgesorgt, sie hatte gedacht, mit dem Vorrat können die beiden wohl bis nach Amerika reisen. Doch es langte gerade bis nach Breitenwert. Mathes schluckte just das letzte Krümchen hinunter, als die Heimatstadt vor den Blicken der beiden auftauchte.

Aller Abschiedschmerz war längst vergessen, sie freuten sich beide auf die Ankunft. Wer wohl alles am Bahnhof war, um sie einzuholen? Die Mutter sicher und Gundel dazu. Vielleicht kamen aber auch die Freunde aus der Löwengasse, Alette Amhag und die Grills. Ja, vielleicht selbst Frau Tippelmann und Herr Häferlein! Vielleicht stand der ganze Bahnsteig voll Menschen, die alle die Sternbuben begrüßen wollten, denn sicher wußten es in Breitenwert alle: „Heute kommen sie!“

Und der Silberne Stern war sicher mit einem Kranzgewinde geschmückt, und Mina hatte Kuchen gebacken, und wer nicht auf dem Bahnhof war, schaute zum Fenster hinaus; vielleicht riefen sie auch: „Hurra, sie kommen!“

Da hielt der Zug, der Schaffner rief: „Breitenwert!“ Doch wenn eine Dame die Buben nicht ermahnt hätte: „Jetzt müßt ihr aussteigen, schnell, es ist nur eine Minute Zeit,“ die beiden wären vor lauter Ankunftsfreude sitzen geblieben.

Sie kamen aber noch zur rechten Zeit aus dem Wagen, der Zug fuhr weiter, und Mathes und Peter sahen sich um.

Es war niemand da!