Eva saß neben den Betten, und sie flüsterte der Mutter heiter zu: „Ich wollte ihnen noch ein Märchen erzählen, ich habe aber nur gesagt: ‚Es war einmal —‘ da schliefen sie schon.“
Frau von Ringewald sah sinnend auf die Buben nieder. Sonderlich schön waren sie nicht, aber wie sie so mit roten Backen in ihren weißen Betten lagen, waren sie doch lieblich anzuschauen.
Die Frau seufzte tief. So sanft und friedlich hatte auch einst ihr Bube geschlafen, und viele Stunden hatte sie an seinem Bett gesessen und seinen Schlaf treu bewacht. Ihr Liebling, wo war er jetzt?
Tränen kamen in die Augen der Mutter, und Eva, die das sah, legte zärtlich ihre Arme um der Mutter Hals. „Sei nicht traurig,“ bat sie, „unser Fritz kommt wieder. Er muß ja wiederkommen!“
„Er muß ja wiederkommen!“ wiederholte die Geheimrätin, und eine leise Hoffnung durchzitterte ihre Stimme.
„Wie könnte er die beste Mutter je vergessen!“ Eva zog die Mutter auf den Stuhl zwischen den Betten nieder, kauerte zu ihren Füßen, und so, während die Sternbübles schliefen, Mathes im Traume lächelte und Peter etwas grimmig dreinsah, redeten Mutter und Tochter leise miteinander von dem Sohn des Hauses, der ohne Abschied vor zwei Jahren in die weite Welt gezogen war.
„Wäre der Onkel doch nicht so streng gewesen!“ klagte Eva.
„Darum durfte er uns doch nicht verlassen!“ Frau von Ringewald hatte dies Wort schon oft und oft gesagt, denn sie konnte es nicht verstehen, daß ihr Junge, ihr zärtlich geliebtes Kind, so von ihr gegangen war. Heimlich, ohne Abschied, ohne jemals zu schreiben.
Freilich, ihr Bruder, der Vormund ihrer Kinder, war sehr hart gewesen. Der Konsul Bucher war ein strenger Mann, und besonders Fritz von Ringewald hatte seine Strenge zu fühlen bekommen. Der sollte studieren wie sein verstorbener Vater oder Buchhändler werden wie sein Onkel. Zu beidem hatte Fritz keine Lust gehabt. Musik wollte er studieren, Geiger werden, nichts anderes.
Der Mutter war es recht. Aber ihr Bruder sagte nein, und er zwang seinen Neffen, in seine Buchhandlung einzutreten. Ein halbes Jahr hielt der es aus, dann — Mutter und Schwester waren gerade auf einer weiten Reise — ging er davon, ohne Abschied.