Auf dem Heimathaus in Breitenwert saß der silberne Stern nun freilich nicht, aber im Wirtshausschild prangte er; doch ob er echt oder unecht war, darüber hatten sich die Buben auch noch nicht den Kopf zerbrochen. Sie sahen sich also etwas ratlos an, und gerade wollte Mathes etwas vom Silbernen Stern und seinem Stern erzählen, als Herta ungeduldig rief: „Wir müssen gehen, sonst haben wir dort keine Zeit.“ Und flink ergriff sie Mathes und Peters Hände und rannte mit beiden voran, Irene und Annedore folgten.

Solange die Straßen noch menschenleer waren, rannte Herta; als sie aber in eine belebtere Straße einbogen, ging sie auf einmal gemessen und feierlich und kümmerte sich auch nicht darum, daß Annedore und Irene lachend voraus liefen. „Es ist unpassend, zu rennen,“ sagte sie zu den Buben; „vornehme Kinder tun das nicht. Annedore ist schrecklich wild und ungezogen.“

Mathes und Peter blieben stumm. Sie wären viel lieber mit Annedore und Irene gerannt, denn eigentlich gefiel ihnen Annedore am besten. Und warum das flinke Laufen unpassend sein sollte, begriffen sie nicht.

„Wir rennen oft bei uns,“ sagte endlich Mathes.

„Na ja, in einer kleinen Stadt!“ Herta sah sehr hochmütig drein. „Ich habe nämlich gestern meinen Vater gefragt, wie groß Breitenwert ist; der hat gesagt, es wäre ein Nest, und wenn man aus einem Nest stammt, weiß man natürlich nicht, was sich schickt.“ Und da ihr die Buben auf diese Rede die Antwort schuldig blieben, begann sie eifrig zu erzählen von ihrem Zuhause, wie reich der Vater wäre, wie viele Kleider sie selbst hätte, sie redete von Theater und Konzerten, von Sommerreisen und Kaffeegesellschaften, spottete über ihre Lehrer und klatschte über ihre Freundinnen Irene und Annedore. Wie ein Wasserfall ging es. Mathes und Peter kamen gar nicht dazu, auch nur den Mund aufzutun, aber je länger die Unterhaltung dauerte, desto unbehaglicher wurde es ihnen, und sie waren froh, als der Meßplatz erreicht war.

Am Eingang warteten Annedore und Irene schon etwas ungeduldig auf die drei, und Annedore rief: „Ihr geht ja wie Schnecken!“

„Es schickt sich nicht, durch belebte Straßen so zu rennen.“ Herta sagte es sehr spitz, und dann erzählte sie: „Wir haben uns unterhalten; nicht wahr, Jungen, es war sehr fein!“

„Noi!“ riefen die beiden sehr flink, und Mathes fügte hinzu: „Du hast alleweil allein geschwätzt, wie — wie — ’ne Elster.“

„Pfui, ihr seid aber frech!“ Herta war tief gekränkt, sie brach gleich in Tränen aus und sagte, sie würde allein gehen. Die andern Mädel lachten, und die Sternbuben wußten nicht recht, ob sie lachen oder ernsthaft dreinschauen sollten. Schließlich lachten sie auch, und das ärgerte Herta noch mehr. Ein Weilchen drohte der Meßbesuch ins Wasser zu fallen, aber die Musik von dem großen Platz dudelte gar so lustig herüber. Dumdumdidellallalla! Das lockte und zog. Annedore hüpfte voran, die Buben folgten, Irene lief mit, da folgte denn auch Herta, denn allein mochte sie nicht bleiben; bei sich dachte sie freilich: Die Elster streiche ich ihnen noch an.

So bunt und vielfarbig wie am Tage vorher war es jetzt nicht auf der Messe. Die sah eigentlich ein bißchen verschlafen aus, denn viele Buden hatten noch geschlossen; selbst die Karussells drehten sich nicht alle. Dafür aber lag der Platz im Sonnenlicht, die Luft wehte sommerlich warm, und weil nicht so viele Menschen da waren, konnten sich die Kinder alles recht ansehen. Die Meßleute, mitunter bunt und seltsam aufgeputzt, trödelten vor ihren eigenen Buden herum, sie unterhielten sich miteinander, ließen sich von den Kindern gutmütig anstarren, ja einer, der himmelblaue Strümpfe und einen sonderbaren Kittel von rotem Samt trug, fing an, sich mit den Fünfen zu unterhalten. Er sagte, er wäre ein Herold und rufe immer das größte Weltwunder aus, aber jetzt schliefe das größte Weltwunder, da könnte er spazierengehen.