Eva nickte. Die feingeputzten Mädel würden schon nichts Unrechtes tun. Auch taten ihr die Buben leid. Sie dachte, gewiß langweilen sie sich sonst, und sie sind doch zur Ferienfreude hier. Sie packte ihnen selbst leckere Frühstücksbrote ein und brachte sie an die Flurtüre, dann ging sie noch in den Erker, der sich nach der Straße hin ausbuchtete, und sah den beiden nach. Da liefen der Mutter Trostbübles, und die Mutter selbst lag krank und hatte keine Freude von dem Besuch. In Evas Augen traten Tränen. Das junge Herz war ihr schwer, die Sonne lockte auch sie hinaus, und am liebsten wäre sie den Buben nachgelaufen und mit ihnen durch die herbstbunten Wälder getrabt, die die Stadt Leipzig im Halbkreis freundlich umschmiegen.

Von diesen Gedanken ahnten die Sternbuben nichts. Die hatten ihre Freundinnen aus dem Garten getroffen und gingen mit ihnen steif und feierlich die Straße auf und ab. Eva sah es und dachte beruhigt, wenn sie mit den beiden zusammen sind, geschieht ihnen sicher nichts. Dann verließ sie das Fenster und ging zu ihrer Mutter, setzte sich still an deren Bett und bewachte den Schlummer der Kranken.

Unten auf der Straße sagte Herta in diesem Augenblick: „Jetzt sieht uns niemand mehr nach, nun flink, wir gehen auf die Messe!“ Und husch! drehte sie sich um und rannte in eine Nebenstraße hinein, und die drei andern folgten ihr, die Buben etwas erstaunt, aber gar nicht ungern.

Am Ende der Straße blieb Herta stehen. Sie war ganz atemlos. Der Hut war ihr etwas schief gerutscht, die Haare waren zerzaust, und sie sah auf einmal gar nicht mehr aus, als könnte sie kein Wässerlein trüben, sondern viel eher etwas frech und unnütz. „Paßt auf,“ sagte sie zu den Sternbuben, „wir gehen zusammen auf die Messe und fahren Karussell immerzu. Habt ihr Geld?“

Das hatten Mathes und Peter, denn zum Reisen und Mitbringen gehört doch Geld. Die Mutter hatte ihnen darum jedem noch ein paar Markstücke in funkelnagelneue Beutelchen getan und freilich gemahnt: „Haltet gut damit Haus!“ Aber schließlich Karussell fahren durften die Buben in Breitenwert auch, und wenn Jahrmarkt war, liefen sie sechsmal am Tage hin, um sich alles recht anzusehen; sie fanden darum das Messegehen auch sehr spaßhaft.

„Annedore wollte mitgehen,“ sagte Irene etwas zaghaft.

„Pah, die! Sie fragt ja erst, und dann darf sie nicht.“ Herta sah aus, als machte ihr Annedores Mitgehen nicht viel Freude, und schon wollten alle vier weiterlaufen, als plötzlich ein Mädel um die Ecke bog, ein bißchen wie der Sturmwind, der alles umreißt, denn Mathes, der am nächsten stand, bekam einen tüchtigen Puff.

„Hallo, da bin ich! Ich darf.“

„Gefragt? Pah, du Tugendspiegel!“ Herta rümpfte verächtlich die kleine Nase.

„Ohne Erlaubnis macht’s mir keinen Spaß.“ Annedore zuckte die Achseln, dann drehte sie sich um und musterte die Sternbuben. „Sind das die?“ fragte sie. Und ohne eine Antwort abzuwarten, streckte sie Mathes und Peter die Hand hin und sagte: „Ich heiße Annedore Reinach. Habt ihr wirklich einen richtigen silbernen Stern auf eurem Haus oder hat das Herta nur geflunkert?“