Dem vierjährigen Rudi klingt das Wort in den Ohren. Es wachsen sehen draußen, die Blumen alle aus der Erde emporschießen sehen, wie hübsch muß das sein: Man darf so etwas nicht versäumen. Er läuft eilig zu seiner nur ein Jahr älteren Schwester Gretel und ruft der zu: „Komm mit auf die Wiese!“

Gretel schüttelt den Kopf. Sie hat just keine Wiesenlust, sie bleibt lieber auf dem Hausbänkchen sitzen und sieht den Hühnern zu, die mit viel Gegackere sich mit ein paar Sperlingen um das Futter streiten. Unlustig frägt sie: „Was willst denn?“

„Draußen wachst es, man kann's heut' sehen!“

„I wo!“ Gretel lacht, sie fühlt sich sehr als ältere erfahrene Schwester dem kleinen Bruder gegenüber, und sie belehrt ihn herablassend: „Das kann man nicht sehen!“

„Doch, Vater hat es gesagt!“

Die Kleine horcht auf. Was Vater sagt, muß doch wahr sein, denn Vater ist Pfarrer und ungeheuer klug, zu dem kommen viele Leute sich Rat holen. Darum sieht sie auch auf, als der Bruder noch einmal lockt: „Komm mit!“

Sie laufen beide durch den Garten, bleiben ein paar Herzschläge lang am Erbsenbeet stehen; sollen sie hier das Wachsen ansehen? Doch Rudi ist mehr für die Wiese, er meint, auf der müsse das heute am schnellsten wachsen, und darum schlüpfen beide durch ein Heckenloch, dahinter dehnt sich Wiesenland bis zum Walde hin. Dort, wo der dunkle Tannenwald als blaue Wand aufsteigt, ist noch Schatten, aber vorn liegt die Wiese im vollen Sonnenglanz.

Hier ist gut sein. Die Kinder kauern sich im Grase nieder, jedes sucht sich ein Fleckchen aus, auf das es ernst und andächtig niederschaut, meinend, nun müsse Blume auf Blume aus der Erde hervorschießen und die Gräslein müßten sich recken und dehnen; wenn eins dem Rudi gleich bis an die Nasenspitze geschossen wäre, es hätte ihn nimmer gewundert.

Eine Minute vergeht, noch eine.

„Gretel, siehst du was?“