Drei waren es, die schlank und zierlich daherkamen, ein paar dürre Zweige knackten, die Rehe schritten ganz langsam, doch plötzlich stutzten sie, sie hatten der Menschen Nähe gespürt, eine Sekunde nur, dann rasten sie davon und verschwanden im Walde.
Den Kindern war's wie ein Märchen. Marie hielt den Atem an, sie zitterte vor Erregung, Ferdel jedoch tat sein Mäulchen weit auf und schrie: „Dabeiben, Rehe dabeiben!“ Doch sein Stimmlein verhallte, die Rehe hatten kein Ohr dafür, und so sehr auch Ferdel eilte, er kam ihnen nicht nach.
Es wurde nun heller im Walde, ein paar Minuten noch und die Wanderer standen auf einer kleinen Lichtung, ein abgeholztes Stück, auf dem sich Buschwerk und Blumen angesiedelt hatten, hier summten wieder die Insekten und flatterten die Schmetterlinge.
„Hier wollen wir rasten,“ sagte der Vater, „wir sitzen im Schatten und haben vor uns das Licht. Das ist gut!“
Sie fanden es alle gut, die Kinder, die Entdeckungsreisen auf die kleine Lichtung antraten, und die Mutter, die heiter die ruhsame Stille genoß. Fern aller Stadtlärm, in die Weite gerückt alle Alltagsmühe, alle kleinen und großen Sorgen, stille die Stunden und doch so voll Erleben. Immer wieder kamen die Kinder an, sie hatten eine unbekannte Blume gefunden, hatten einen höchst seltsamen schwarzen Vogel gesehen und wollten es nicht glauben, daß es eine Krähe war, sogar eine Blattwanze brachte Ferdel mit lautem Freuderufen an. Und dann fanden sie einen Ameisenhaufen, und der Vater erzählte ihnen von dem emsigen kleinen Volk, und Ferdel verlangte stürmisch Ameisen mitzunehmen, er träumte schon von einem Ameisenhaufen mitten in der Wohnstube. Er war überhaupt sehr dafür mitzunehmen, während Marie selbst die Blumen mit behutsamer Scheu pflückte.
Frau Marie hatte Mundvorrat eingepackt, sie brauchten darum kein Gasthaus aufzusuchen und so blieben sie auf dem gewählten Platz, blieben viele Stunden, die erschienen ihnen kurz und doch lang; als der Vater zum Aufbruch mahnte, riefen alle: „schon?“, und nachher sagte die Mutter doch: „Es war, als hätte ich eine weite Reise gemacht.“
„Jedenfalls müßte man ein Buch schreiben von alledem, was unsere Kinder heute gesehen haben“, sagte der Vater, als sie dem Bahnhof zuschritten und in die rote Glut des Abendhimmels sahen. Die vielerlei kleinen Stimmen, die am Tage so laut gesummt und getönt hatten, schwiegen nun, doch dafür zirpten die Grillen laut, und in einem Tümpel am Wege quakten die Frösche. Das waren die letzten Laute von draußen, die die Kinder hörten, und darum redete Ferdel zuletzt nur von den Fröschen, und Marie verlangte das Märlein vom Froschkönig zu hören. Doch sie schlief darüber ein. Kaum saßen sie im Abteil des Heimzuges, da fielen den Kindern die Augen zu. Sie waren müde von Luft und Sonne, von den vielerlei Ereignissen des Tages und ihre Gesichtlein sanken tief herab auf die welken Blumen in ihren Händen. Auch Frau Marie war müde, aber sie schlief nicht, sie träumte vom Walde draußen, und als die Großstadt wieder begann, die Bahn wieder an den hohen Häusern mit den aufdringlichen Geschäftsanpreisungen daran vorbeifuhr, da sagte sie noch einmal: „Es ist mir, als hätte ich eine weite Reise gemacht, eine schöne Reise.“
Ihre Hand suchte die ihres Mannes, und der sagte nachdenklich: „Ich dachte an den Wald meiner Jugend, er war reicher, war schöner deutscher Hochwald, und doch habe ich ihn heute wiedergefunden im seligen Erleben unserer Kinder.“
Pusteblumen.
Der Vater hatte am Fenster gestanden, hinausgesehen in den Garten, der wieder einmal seinen hellen Frühlingssang angestimmt hatte, und dabei gesagt: „Das ist heute wirklich ein Tag, an dem man es wachsen sieht.“