„Nein, Kind!“ Die Mutter lachte. „Da hätte er viel zu tun, aber er sieht alles und hört alles.“
Die Kleine atmete tief. „Vielleicht ist Sonntag schon der Krieg aus“, sagte sie froh, und die Mutter sah ein holdes Scheinen unendlichen Vertrauens auf dem Gesichtchen erblühen, und sie lächelte wissend, denn ein blaues Brieflein knisterte in ihrer Tasche.
Der nächste Morgen brachte so warmen Sonnenschein, daß der Spätherbsttag sommerlichen Glanz erhielt. Leni konnte im Garten spielen und darüber vergaß sie den Brief. Am Nachmittag, als sie über ihren Bilderbüchern hockte und darin dem Christkind begegnete, dachte sie wieder daran. Im Nebenzimmer saßen der Mutter Freundinnen, und auf einmal dämpften die Frauen ihre Stimmen, geheimnisvoll klang es, und Leni vergaß ihren Brief und rutschte mit ihrem Schemelchen der Tür näher und näher, denn sie meinte ihren Namen zu hören.
„Lies ihn noch einmal,“ bat drinnen Tante Nora, „er ist zu niedlich.“
„Sie hört es vielleicht.“
„Ach nein, sie hat ihre Bilderbücher vor.“
Die Mutter las. Leni erschrak tief.
Wie seltsam das war! Mutter las alles vor, was sie gestern an den lieben Gott geschrieben hatte, und als sie fertig war, riefen die Tanten „Reizend!“ und „Süß“ und Tante Traude fragte: „Hat sie dir den Brief gegeben?“
„Bewahre, er soll ein Geheimnis sein. Martha brachte ihn mir, sie sollte ihn in den Briefkasten stecken.“
„O das kleine dumme Dummchen!“