„Unser Traudchen lernt leider so schwer laufen.“

Die junge Mutter sagte dies immer ein wenig bedrückt, denn von einem Erstling verlangt doch die ganze liebe Sippe ein linschen Wunderkindtum; wenn es da mit dem Sprechen und Laufen nicht so flink gehen will, wenn Kleinchen nicht Spuren ganz ungewöhnlicher Fassungsgabe zeigt oder bedeutende Talente verrät, dann ist das für junge Eltern, namentlich wenn der Verwandtenkreis groß ist, immerhin peinlich. Und Traudchen war zwar rund und rosig, es lachte, versuchte sich auch mit wundersamen Lauten in der Redekunst, aber der kleine Ernst von Tante Elli konnte doch alles schon viel besser, und Maiers Lotte erst, die nur um zwei Tage älter als Traudchen war, erstaunlich, was die alles leistete!

Überhaupt Maiers Kinder! Gegen die kam so leicht kein Kind auf, und Frau Maier füllte ihre Besuchsstunden damit aus zu erzählen, was ihre Kinder alles sagten, taten, meinten und vermutlich fühlten und dachten.

Vielleicht achte ich doch nicht genug auf mein Kind, dachte Frau Irma wohl, wenn sie von der fabelhaften Entwicklung der Maierschen Kinder hörte. Und sie versuchte mit Bitten und sanfter Gewalt das schwerfällige Kind zum Laufen zu bringen. Traudchen tat dann auch ein paar schwankende ängstliche Schritte an der Mutter Hand, doch sobald diese losließ, gab es ein Zetergeschrei, und meist fiel Traudchen einfach hin, heulte und rutschte heulend zu ihrem Spielteppich zurück. Alle Künste versagten. Selbst der Vater, der einmal tatkräftig eingriff und der schwächlichen Muttererziehung nachhelfen wollte, erreichte nichts, ja Frau Irma und Minna, das Mädchen für alles, riefen, so jämmerlich habe Traudchen noch nie geschrien.

Der Arzt erklärte Traudchen dabei für ein völlig normales gesundes Kind, er riet zur Geduld und redete lächelnd von Erstlingssorgen. Ach Geduld, wenn man sein Kindchen doch etwas bewundert sehen möchte und heimlich, trotz aller Versicherungen des Arztes, doch die Angst im Herzen trägt, vielleicht ist das Kindchen nicht ganz gesund, vielleicht bleibt es zurück im Wachstum an Körper und Geist.

Was man für Sorgen hat um so ein Kindchen!

„Man muß es mit Lockmitteln versuchen“, erklärte der Vater. Und er ging hin und kaufte als erstes Lockmittel einen bunten Hampelmann, nach dem Traudchen kreischend griff. Zwei Minuten durfte es damit spielen, dann wurde der Hampelmann an der Tür befestigt und der Vater rief: „Komm Traudchen, komm, sieh Hampelmann!“

„Dada!“ Traudchen griff mit den Händchen in die Luft, stellte sich mit Hilfe der Mutter auf ihre Beinchen, doch als die losließ, gab es das übliche Zetergeschrei. Plumps! saß Traudchen und darüber vergaß es den Hampelmann.

Am nächsten Tag versuchte der Vater es mit einem schwingenden Ball, den löste ein Holzpapagei ab, ein schnurrender Blechhahn folgte und jedesmal gab es den gleichen Verlauf. Traudchen freute sich, griff danach, versuchte auch das Gehen, schrie und versuchte schließlich kriechend ihr Ziel zu erreichen.

Und immer wieder die Frage: „Kann Traudchen noch nicht laufen?“ — „Nein, immer noch nicht!“