Eines Tages kam Frau Maier, die Mutter der vortrefflichen Kinder, sie kam von einem Einkaufsgang, und da sie sich nicht allein als besondere Mutter, sondern auch als besondere Hausfrau fühlte, kaufte sie immer besonders billig, und nachdem sie ihr Erstaunen über Traudchens Nichtlaufenkönnen wortreich geäußert hatte, fing sie an, ihre Einkäufe zu zeigen. Sie hatte im Warenhaus allerlei Tand erstanden, für den sie Bewunderung heischte. Darunter war auch ein kleiner feuerroter Milchtopf, der bei dem Auskramen seine Umhüllung verlor, Frau Maier stellte ihn etwas achtlos neben sich auf einen Hocker und vergaß ihn über den vielerlei weisen Reden, die zu halten sie sich verpflichtet fühlte.
Da stand das Töpfchen und die Sonne blinkerte auf ihm herum, vielleicht weil sie nichts anderes zu tun hatte. Denn ein besonderes schönes Töpfchen war das kleine feuerrote Jahrmarktdings gerade nicht, keins, das auf Ausstellungen oder in einen Glasschrank gehört, aber dem Traudchen gefiel es. „Dada!“ jauchzte es und patschte in die Hände.
Dada hatte vielerlei Bedeutung. Die Mutter sah auf, doch da Traudchen ganz vergnügt an einem Stuhlbein herumkletterte und Frau Maier kein Päuslein in ihrem Redefluß eintreten ließ, achtete sie nicht weiter auf die Kleine.
„Dada!“ Traudchens Hände griffen in die Luft und ihre Blicke hingen wie gebannt an dem roten Töpfchen. Wenn's nur nicht so weit gewesen wäre!
Traudchen stand auf einmal auf seinen zwei Beinchen und niemand sah es. Und die Kleine vergaß das haltgebende Stuhlbein, ihr Eifer, zu dem roten seltsamen Dings zu gelangen, war zu groß. Ein Schrittchen tat es in die grenzenlose Weite der Stube hinein, noch einen. „Mein Gott, sehen Sie!“ Frau Irma ließ Frau Maier nicht Zeit, das notwendige Gewürz unter den Kuchen zu mischen, dessen geheimnisvolle Zubereitung sie gerade verraten wollte, „sehen Sie doch, unser Traudchen läuft. Fritz, Fritz, Minna kommt schnell herein, Traudchen läuft!“
Doch ehe die Gerufenen anlangten, hatte Traudchen schon ihr Ziel erreicht und — es klirrte, platsch lag das rote Töpfchen auf dem Boden.
„Dada!“ Traudchen sah sich nicht ohne einen gewissen Stolz über das vollbrachte Werk um. „Dada“, sie griff nach einem geheimnisvollen Päckchen, was Frau Maier auch auf den Hocker gelegt hatte, doch die kam ihr zuvor und mit dem entrüsteten Ruf: „mein schönes Milchkännchen“, entriß sie Traudchen den neuen Raub.
„Traudchen läuft, da vom Stuhl bis hierher ist sie gelaufen!“ Der Vater und Minna bekamen beide das Wunder verkündet und Traudchen platschte mit ihren Händchen auf den Hocker und kreischte vor Lust.
Frau Maier lächelte sauersüß. Nein, so hatte sie sich mit ihren Kindern wirklich nicht angestellt, und nicht einmal ein Wort der Entschuldigung sagten die Eltern. Sie stand auf und erklärte, sie müßte gehen.
„Ist es nicht entzückend, wie sicher das Kind gegangen ist?“ Frau Irma strahlte. Sie schob mit dem Fuß ein wenig die Scherben beiseite und sagte gleichmütig: „Morgen bringe ich Ihnen einen andern Topf, liebe Frau Maier. Im Warenhaus gibt es ja noch so viele.“