Die Rabeneltern hatten ihn reiten sehen, und der große, blonde Bursche, der als Büblein im Hühnerstall gesteckt hatte, erbot sich, gleich nach dem Walde zu gehen. Vielleicht fand er die Pferdespur.

»Ich gehe mit,« rief Sophia Christine in ihrer großen Herzensangst.

»Das is niche gut. Der Christian setzt seine Beine schneller, das schafft besser.« Der Rat der Frau war verständig, und die Jüngere fügte sich der klugen Rede. Sie ließ sich in die Stube führen, und wie sie den alten Bauer am Tisch stehen sah, seine Hände fest über der Bibel gefaltet, und er sie mit seinen eigentümlich hellen Falkenaugen ansah, bat sie unwillkürlich: »Ach, lest doch weiter.« Sie schluckte an ihren Tränen.

Der Rabenvater nickte. Seine Stimme dröhnte, er las den Psalm bis zum elften Vers und Sophia Christine saß still neben der alten Frau und ihre Tränen waren versiegt, als der Bauer schloß: »Herr, erquicke mich um Deines Namens willen; führe meine Seele aus der Not, um Deiner Gerechtigkeit willen. Amen!«

»Amen.« Sophia Christines Stimme klang mit denen der alten Leute zusammen, da fiel ein Schatten dunkel in die Stube, draußen stand Anthoine de Charreard. Der junge Christian hielt sein Pferd.

Ein Lächeln lief über das Gesicht des Mannes, als er den Freudenblick seines Weibes sah. Er grüßte ganz heiter, als wäre nichts gewesen, und er, der sich bisher etwas kühl von diesen Leuten zurückgehalten hatte, trat auch in die niedrige Stube. Freilich, seine Stimme klang herablassend, er nahm den angebotenen Platz auf der langen Bank ein, trank auch die Milch, die die Rabenmutter ihm reichte, es war zu spüren, es war ein Fremder in der Stube. Immerhin fragte er höflich nach Leben und Sitten, der Rabenvater gab Antwort.

Knapp die Fragen, karg die Gegenrede. Dann lief das Gespräch aus der Gegenwart in die Vergangenheit zurück. Da stand die Rabenmutter auf und ging still hinaus. »Sie kann's niche ertragen,« murmelte der Alte.

»Was denn?«

»Das von den Kindern.« Kaum ein Dutzend Worte brauchte der Alte und schauernd durchlebten Anthoine de Charreard und sein junges Weib die Nacht mit, in der rote Glut über dem Tal gelegen und die Soldaten die schönen, jungen Töchter und blonden Buben mitgenommen hatten. Wohin, Gott wußte es! In Elend und Verderben hinein. Sechzehn Jahre waren es her, seit der schreckliche Wrangel das Thüringer Land durchzogen hatte nach Franken hinein. Der Schluß war's, aber unser Gott im Himmel weiß es, ein höllischer Schluß.

Schweigen herrschte in der Stube. Bis sich die Türe auftat und die Bäuerin hereintrat. Anthoine de Charreard, der es besser gelernt hatte, als sein tieferbleichtes Weib, ein Gespräch in ein anderes Rinnsal zu lenken, begann von Feld- und Hauswirtschaft zu reden. Ein wenig obenhin nur. Was konnte ihm der alte Bauer auch sagen. Doch er stutzte bald. Er merkte es, er war an einen gekommen, der mehr wußte als was ein Pferd und ein Pflug ist. Der Rabenvater wußte Bescheid. Nicht auf den paar Stücken Land allein, die ihm gehörten, sondern auch auf der Pösener Gemarkung. Der alten Frau von Nesselrode hatte er oft mit Rat beigestanden. Aber er drängte seinen Rat nicht auf und Herr Anthoine de Charreard mußte manche Frage tun. Der Rabenvater ließ sich die Worte aus dem Munde ziehen. Zäh, bedachtsam, mit Pausen setzte er eins neben das andere und nach einer Stunde wußte Herr Anthoine de Charreard, daß er noch weniger von der Landwirtschaft verstand, als er geahnt hatte. Es war beschämend. Aber als er in die falkenhellen Augen des Rabenvaters blickte, da las er darin nicht Spott über sein Nichtwissen, sondern den ehrlichen Willen, zu helfen.