Die Rabenmutter begann ihr Sprüchlein noch einmal vorzutragen. Die Frauen standen alle mit gefalteten Händen und dann beugten sie alle die Knie zur Verneigung vor dem Bett der jungen Frau.

Es war wie im Dornröschenmärlein, in dem die guten Feen alle kommen, nur fehlte hier die böse Fee; es waren lauter gute Wünsche und Gaben, die die Buchschen dem kleinen Anthoine darbrachten. Nahrhafte Gaben. Einen Hahn, zwei Hennen, ein paar junge Küchlein, Eier, Butter, eine Speckseite, es fehlte nicht an Wurst und Käse, auch nicht an einem Säcklein Mehl. Und unter den Frauen war eine, die brachte zwei Eier. Sophia Christine aber wußte, die Frau hatte nur ein Huhn und von den wenigen Eiern, die ihr das schwärzliche Huhn legte, hatte sie die beiden abgespart. Sauber lagen sie in frisches Grün gebettet da, und ein wenig ängstlich sah die Alte auf die liebliche Hausfrau, fand sie die Gabe nicht zu schlecht?

Da tat Sophia Christine etwas, das gegen Sitte und Herkommen verstieß. Sie hielt keine feierliche Danksagung, sie faßte zuerst die Hand der Rabenmutter und dann Hand um Hand, der Alten aber mit den beiden Eiern strich sie noch einmal linde über die welke Hand. Dabei liefen ihr die Tränen über das Gesichtchen, und es war schon gut, daß ihr Anthoine es etwas besser verstand, eine feierliche Dankrede zu halten. Er redete höflich und herzlich zugleich, stand würdevoll und vornehm vor den Frauen. Denen tat es wohl, Händedrücke und Tränen waren gut, die schwungvollen, feierlichen Worte aber gehörten dazu; da Röse wußte, daß ein Würzebier auch dazu gehörte, hatte sie vorgesorgt. So verlief denn der Besuch recht in den vorgeschriebenen Formen und die »Buchschen« verließen zufrieden mit leeren Handkörben das Haus und versicherten, morgen würden die Schorbschen kommen.

Dann wird unsere Speisekammer voll werden, dachte der Hausherr. Ein heimliches Lachen kam ihn an. Er hatte sich noch nie so um eine leere Vorratskammer gesorgt, und als er gefreit hatte, da hatte er gemeint, in ein recht wohlhäbiges Leben hineinzugeraten. Er hatte das auch manchmal gesagt, hatte etwas übermütig der Herzogin Marie gegenüber betont, er wäre des Hoflebens und des Dienstes bei ihr satt und wolle nun ein freies Herrenleben führen. Da wußte er plötzlich, warum die Herzogin ihren Gatten angetrieben hatte, ihn mit der Jungfer Riesin zu verheiraten. In Not und Sorge sollte er hinein, weil er nicht ihr Narr hatte sein wollen. Oh ja, die Landsmännin hatte sich gerächt. War es ihr gelungen? Anthoine de Charreard sah auf sein junges Weib nieder, und er sagte: »Sie gedachten es böse mit uns zu machen, Gott aber hat es gut gemacht.«

Sophia Christine nickte ihm zu. Und dann schloß sie müde die Augen und träumte, ihr Bübchen im Arm, von kommenden Zeiten.

Herr Anthoine aber verließ das Haus, er stieg den abwärts führenden Weg hinab und gelangte an des Baches Quelle, er wollte ein wenig nach den Forellen sehen, denn eine gute Forellenfischerei war des Gutes Stolz. Und wie er an dem schmalen Wasser stand, das hell über große Steine rann, vergaß er die Fische. Er dachte an das stolze Schloß an der Loire, an der Charreards einstigen Besitz. Kein Charreard hatte wohl noch um den Taufschmaus für den Erben sorgen müssen. Bei Gott, dachte der Herr Anthoine wieder, ich bin in ein recht klägliches Leben hineingeraten. Möge meinem Sohn es besser ergehen, unser König wird es wohl besser mit seinen treuen Untertanen im Sinn haben, als der böse Kardinal Richelieu, dann soll mein Sohn wieder den Namen Charreard zu Ehren bringen.

Der Gutsherr vergaß die Fische, aufrecht, hochmütig ging er dem Hause zu, und als er mit der Feierlichkeit früherer Tage an das Bett seiner Frau trat, die ihr Bübchen im Arme hielt, fand er ihr Gesicht ganz überströmt von Tränen.

Über diesen Tränen vergaß Herr Anthoine das Schloß an der Loire und allen Glanz der Charreards. Betroffen fragte er nach dem Kummer der kleinen Frau Sophia Christine. »Ach,« schluchzte sie, »ich bin ja so froh, so froh, nun brauchen unsere Küchlein nicht geschlachtet zu werden.«

Das war wirklich nicht nötig. Am nächsten Tage kamen die Schorbaer Bäuerinnen mit nicht minder reichen Gaben, und so konnte man denn auf Pösen dem Sonntag Rogate mit Ruhe entgegensehen. Denn die alte Röse führte den Hausherrn selbst in den allerletzten Keller. Tief im Winkel verborgen lag da, aus guten Zeiten stammend, noch ein Fäßchen Wein, an ihm war aller Kriegslärm vorbeigezogen. »Gut, daß es zuletzt die Schweden nicht auch noch durch ihre höllischen Gurgeln gejagt haben,« sagte die Alte. »Denn ob Wein aus protestantischem Hause oder aus einem katholischen Keller, denen ist das so gleich gewesen, wie es ihnen war, woher sie raubten, wen sie mordeten.«

Herr Anthoine de Charreard bezeigte wenig Lust, sich von den vergangenen Kummertagen erzählen zu lassen, er stieg vergnügt ans Tageslicht empor, um seiner Frau von dem Fund zu berichten, und er fand wieder ein betrübtes, verzagtes Weiberseelchen. Ein wenig Aprilwetter war schon die kleine Frau in diesen Tagen. Frau Sophia Christine hatte, so gut sie es konnte, Gäste und Eßgeschirr nacheinander an den Fingern abgezählt, und es fehlten mehr Teller als im Dornröschenschloß, ach, es fehlte so viel. Ihr Mann sah ein, daß dies schon eine Not war. Er wußte aber Rat. Am nächsten Morgen fuhr er selbst nach Jena, um bei seinem Schwiegervater und den übrigen Verwandten seiner Frau das notwendige Hausgerät zu erborgen. Er bekam alles, ja sogar die schweren, einst mit eigener Lebensgefahr erretteten, silbernen Prunkleuchter gab eine Muhme her, denn die Kunde, daß das fürstliche Paar selbst zur Taufe kommen wollte, erregte ganz Jena. Sämtliche Frauenzimmer redeten nur von der Taufe. Und Sophia Christine wurde so viel und mit solcher Ehrerbietung von allen Vettern, Muhmen und Basen genannt, daß diese Überfülle von Hochachtung die kleine Frau gewiß sehr bedrückt hätte.