Doch glücklicherweise ahnte sie nichts davon. Sie hielt mit Röse und der Rabenmutter eine sehr eindringliche Eßberatung ab. Das Ergebnis war, nachdem Sophia Christine ein noch von ihrer Mutter stammendes Rezeptbüchlein zugezogen hatte, daß man trotz aller Spenden ein speckfettes Ferkel schlachten müsse. In dieses sollte eine Gans gesteckt werden, in diese ein Huhn, in das Huhn eine Taube, in die Taube, was gerade daherflog, auch ein Spatz, wenn es sein mußte. Und dann ein Zungenmüßlein, Torten und Pasteten. Frau Sophia Christine tat bei jedem Gericht, das ihr einfiel, einen bitterschweren Seufzer, aber glücklicherweise sagte die alte Röse immer: »Es langt zu. Da bruche wir niche bange zu sein.«

Und es reichte und wurde ein prächtiges Mahl. Ein Tauftag voll Erdenpracht und Himmelsglanz. Nur ein paar weiße Flatterwolken wehten über den blauen Himmel. In der kleinen Pösener Hauskapelle dufteten große Sträuße, ein buntfarbiges Kranzgewinde schlang sich um die Sessel, die für den Herzog Bernhard und seine Gemahlin hingestellt worden waren. Die Herzogin staunte über das festliche Gepränge, das nach Reichtum ausschaute. Die scheue heimliche Armut, das bange Sorgen der Eheleute, die Quellen der Hilfe ahnte sie nicht. Sie sah nur, was da war, und weil sie den stolzen Landsmann in einer kärglichen Armseligkeit geglaubt hatte, war sie doppelt überrascht.

Dazu Sophia Christine! Die war nicht mehr scheu und ungewandt wie einst, sie fühlte sich auf sicherem Heimatboden stehen, dies Gefühl und ihr junges Mutterglück verliehen ihr eine anmutige Würde. Sie war freilich einfach gekleidet, aber sie sah doch festlich und schön aus, und die Herzogin Marie in ihrer dunklen Schönheit, die das neueste Pariser Gewand trug und so gekleidet war wie die Damen am Hofe des jungen Königs Ludwig XIV., vermochte nicht die junge Madame de Charreard zu verdunkeln.

Dazu der Sonnenglanz draußen, die Schönheit des stillen Tales. – Der Herzog Bernhard sagte sein Wiederkommen zu, aber die Herzogin kniff ein wenig die dunklen Augen zusammen. Scharf zogen sich die Falten am Mund herab. Da wußten ihre Damen, sobald wurde der Besuch nicht wiederholt. Sie drängte auch zum Aufbruch und übersah dabei das leise Aufleuchten in den braunen Augen der jungen Frau. Vielleicht wäre sie sonst geblieben. Da hätte sie dann freilich an manches, was im Hause fehlte, ihren Spott hängen können.

Als der Abend sank, eine Mondnacht mit lindem Glanz heraufdämmerte, rollten die Wagen mit den Gästen davon; nur ein paar Verwandte Sophia Christines blieben noch. Die aber waren so geblendet von dem fürstlichen Glanz, daß die alte Base Anna Sabine – jene, die die Silberleuchter hergegeben hatte – ihrer Nichte diese für künftige Zeiten als Erbe versprach.

Ein paar Tage später herrschte wieder die alte Stille in Pösen, aber auch wieder der Mangel. Nach reichen Tagen gab es sehr knappe Mahlzeiten und Herr Anthoine de Charreard freute sich mehr als über den fürstlichen Besuch über den des Herrn Heinrich Rudolph, der von Leuchtenburg her an einem Nachmittag in den Hof einritt und das versprochene Darlehen brachte. Ja, er war nicht ohne Stolz, als Herr Rudolph lobte, wie gute Ordnung unter dem neuen Herrn herrsche. »Ich bin an den Schlägen am Eselsberg vorbeigeritten,« sagte der, »dort wächst ein gutes Korn, das gibt kein Notjahr.«

Daß dieser Herr sich zum Bleiben entschloß, freute Frau Sophia Christine herzlich. Sie hörte still den Reden der beiden Männer zu, spürte wohl, daß ihr Gemahl die Lehren des andern mit Aufmerksamkeit annahm. So lauschte sie, bis der Herr Rudolph von seinen eigenen häuslichen Verhältnissen sprach. Von der Frau, die ihm gestorben war, von dem jungen Heinrich Wilhelm von Draksdorf, den er mit seinem eigenen Kinde erzog.

»Die beiden müssen uns besuchen,« rief Frau Sophia Christine warm. Und wehmütig klang es hinterher: »Ein Kind ohne Mutter, wie traurig ist das.«

Doch dann beruhigte sie sich, als sie hörte, daß eine Verwandte des Hausherrn, Jungfer Elisabeth Scheitlin, die Büblein mütterlich behüte. Aber sacht wuchs doch in ihrem Herzen ein Blümlein auf, in dessen Kelch die Namen der Mutterwaisen standen. Sie schenkte schnell den noch nie gesehenen Kindern Liebe vom Überfluß ihres reichen Herzens.