Da schoß Anthoine das Blut ins Gesicht. Er sprang auf und rannte davon, lief auf das Feld und seine Bubenhände griffen Bündel um Bündel. Heißa, das ging, ihn sollte niemand einen aus dem Faulenzerland schelten.
Eines Tages blies der Sturm über Stoppelfelder, peitschte schwarze Wolken ins Tal, und auf dem Gut Pösen flüsterten die Leute scheu: »Der Herr ist nicht heimgekommen.«
Sophia Christine ging blaß und still einher, sie trug einen Brief auf dem Herzen, in dem stand, Anthoine de Charreard würde erst im Frühling heimkehren, die Herzogin Marie könne sich von dem schönen Paris nicht trennen. Ganz unten stand das Wort: »Wenn es doch erst Frühling wäre!«
Der Winter mit seinen langen, langen dunklen Nächten lag noch dazwischen.
Es war nicht allein für die Kinder gut, es war auch eine Wohltat für die Hausfrau selbst, daß der Magister Albertinus im Hause lebte. Anthoine und Jeannettchen liebten den gütigen, weisen Mann, liebten selbst seine Schwäche, in jedem unschuldigen Wort einen fremden Eindringling zu wittern. Ein Fremdwort war ihm eine Art Gespenst, gegen das er zornig losging. Zuerst verleidete er den Kindern jegliche Lust an der französischen Sprache. Aus einem Anthoine wurde Anton, der eine Johanna zur Schwester hatte. Die Kinder nahmen des Alten Grille heiter hin, sie verstanden nicht, daß er zu weit in seinem Haß gegen alles Fremde ging, und Frau Sophia Christine war froh, die Kinder in guter Hut zu wissen. Sie hatte genug zu tun, um Sorgen und Sehnsucht mit der großen Arbeitslast zu vereinen, und wenn in seltenen Feierstunden der Magister ankündigte: »Nun wird ein Kriegszug gemacht,« und die unschuldigsten Wörter seltsam genug verdeutscht wurden, da lächelte sie nur dazu, hörte kaum hin und freute sich allein an ihrer Kinder Frohsinn.
Abends, wenn sie müde in dem hohen Stuhl saß, in dem ihr Mann sonst gesessen hatte, schlug der Magister einen anderen Ton an. Dann zerrte und zog er nicht fremde Unkräutlein aus der deutschen Muttersprache, dann las er die feinen, frommen Worte Johann Arnds vor, oder er schlug die Trutznachtigall des milden Friedrich Spee auf. Manchmal las er auch, um ein Lächeln auf das Gesicht der jungen Frau zu locken, etwas aus den sinnreichen Heldenbriefen des Herrn von Hoffmannswaldau, der einst mit dem Vater der Herzogin Marie Deutschland durchreist hatte. Von diesem fürstlichen Herrn hatte Anthoine de Charreard die Bücher als besonderes Ehrengeschenk erhalten, er ahnte damals nicht, als er sie in Pösen auspackte, daß ihre gespreizte Sprache das verlorene Lachen auf das Gesicht seiner lieblichen Frau locken sollte. –
Der Winter verging und das uralte, ewig anmutige Spiel, das der einziehende Frühling aufführt, begann von neuem. Wieder gab es blühende Bäume, Vogelsang und Bienensummen, Sonnenschein und warme weiche Luft. Wieder eine unendliche Schöne.
Herr de Charreard kam nicht.
In diesem Frühling erlitten alle in dem stillen Tal einen großen Verlust. Der Rabenvater starb. Er verlöschte eines Tages still ohne Klage, und seine alte verrunzelte kleine Frau saß mit einem seltsam stillen, frohen Lächeln an seinem Sterbebett. »Ich folg' dir balde.«
Sie hielt Wort. Vier Wochen lang ging sie noch mit einem schönen fremden Glanz in den Augen herum, dann starb auch sie.