Das war ein gutes Wort, denn nun sah Herr de Charreard ein frohes Leuchten in den Augen seines Weibes. Er gab dem Bauern die Hand, herzlicher, wärmer, als er dies sonst tat, und Nikolaus Rabe stapfte in das Unwetter hinaus und dachte bei sich: morgen wird der Herr schon sehen, daß er rechtschaffen arbeiten muß und daß das In-der-Welt-Herumreisen nichts ist für einen Gutsherrn von Pösen.
Dies sah Herr de Charreard nun freilich am nächsten Morgen recht gründlich. Das Unwetter hatte viel Schaden getan. Dachziegel lagen auf dem Hof, vom Hühnerberg war Steingeröll in den oberen Garten gerutscht, auf den Feldern bogen sich die Ähren zerknickt zu Boden. Als der kleine Anthoine in aller Morgenfrühe nach dem Gute lief, da rauschte und brauste der Bach hochgeschwollen daher, er war weit über seine Ufer getreten, und der Weg zum Gut war von Schlamm und Geröll überschwemmt. Der Bube war so verwachsen mit seiner Heimat, so Kind dieses stillen Tales, daß er alle Vernichtung wie ein persönliches Leid empfand. Er vergaß seine gestrige Sorge, vergaß die Furcht vor der Strafe des Vaters, vergaß alles, er holte sich Werkzeug aus dem Schuppen und begann wie er ging und stand vor allem die Schäden rings um das Haus zu bessern, den Weg zu glätten. Bei dieser Arbeit fand ihn sein Vater. Er sah, wie eifrig der Sohn werkte, und wieder stieg der Stolz in ihm hoch über des Buben kraftvolle Art. Just da kam aber der Magister Albertinus aus dem Hause, der blieb dabei, in das Rabenhaus hinüberzuziehen, und der Anblick des alten Lehrers brachte Anthoine den gestrigen Tag in das Gedächtnis. Er merkte es gar nicht, daß sein Vater beobachtend unter der Linde stand, er hing sich an den Arm des Alten und bat: »Darf ich Euch die Bücher tragen, gelt, ich darf? Und nicht wahr, Ihr bleibt immer, immer bei Niklas?«
Als der Magister Albertinus ein paar Minuten später sich nach dem Hausherrn umsah, denn er wollte nicht im Groll von ihm gehen, war Herr de Charreard verschwunden, ein Knecht sagte, er wäre auf das Feld hinaus gegangen.
Ein weiter Weg war es nicht, den der gute Magister Albertinus zu gehen hatte, denn auch ihm erschien der Ausweg, im Rabenhof zu wohnen, ein guter. Und doch wurde dies kurze Weglein dem Alten bitterschwer, und Anthoine und Jeannettchen hingen an seinen Armen, als ginge der gütige Lehrer in die weite Welt hinaus.
Frau Sophia Christine sah wehmütig dem Trüpplein nach. Sie hatte nicht, wie ihr Mann es ihr vorgeschlagen, zum Bleiben zugeredet. Die Trennung so von Haus zu Haus war besser, das fühlte sie, aber sie dachte doch, wie schwer es sein würde, eine feste dauerhafte Brücke zwischen ihrem Manne und der Heimat, mit allem was drin lebte, zu bauen. Ihre Liebe mußte sehr stark sein im Überwinden, stark im Ertragen, duldsam und linde, sollte ihr Leben wieder werden, wie es vordem gewesen war.
Auch Herr Anthoine de Charreard sah das Trüpplein ziehen, und mancherlei Gefühle strudelten dabei in ihm durcheinander. Er fühlte sich schuldig dem alten Freund seiner Frau gegenüber und war doch froh, daß er ging. Der Kinder Mitgehen, ihr Hängen an dem Lehrer kränkte ihn und doch freute ihn ihre Treue. Darüber vergaß er beinahe, auf die Felder zu schauen, er sah, wie die drei, gefolgt von einem Knecht, der des Magisters Sachen fuhr, an dem Bauernhaus anlangten, sah, wie Nikolaus Rabe ehrfurchtsvoll seinen neuen Hausgenossen grüßte, und er schämte sich, und freute sich zugleich. Aber als er dann am Tisch saß, sah er einen Trotzzug im Gesicht seines Buben, auch daß Jeannettchen geweint hatte, und Frau Sophia Christine war fast der großen Sorge froh, die in dieser Nacht über sie gekommen war. Sie redete von dem Wetterschaden und führte sacht den Mann auf den Sorgenweg, damit er nicht auf den eines ungerechten Zornes geriet.
[9. Kapitel.]
Ein paar Tage gingen hin.