»Sie ist ein Pfau, eine Stoppelgans!« schrie der Junker Anthoine erbost über das gespreizte Wesen der Schwester.

»Er weiß eben nichts von Politesse, er ist ein – ein – ungehobelter Bauernlümmel!« Das Wort fuhr Louison heraus, ihre Augen blitzten zornig, sie machte aber nicht den geringsten Eindruck, die Buben lachten laut. »Na, ganz hast du das Deutschreden ja noch nicht verlernt,« brummte Anthoine. Adrian aber streckte der kleinen Freundin treuherzig die Hand hin, ehrlich, ein wenig tolpatschig.

»So ist's mir lieber, meinetwegen schilt mich auch Bauernlümmel, Louison.«

»Monsieur sind sehr aimable, doch ein Kavalier küßt einer Dame die Hand.« Louison hob den Kopf. Das feine Näschen ragte ganz steil in die Luft, die Feder wippte und nickte, und die vier Landkinder staunten die verwandelte Schwester und Freundin wieder an, bis auf einmal jemand hellauf lachte. Es war die Prinzessin Elisabeth Marie. Die lachte so herzlich, sie schüttelte sich vor Lachen, und ihr Lachen steckte an. Die Buben fielen ein, selbst Jeannettchen, die am meisten überwältigt von der Schwester gespreiztem Wesen war.

Louison wurde blutrot. Ausgelacht zu werden, das hatte sie nicht erwartet. Bewundert, gefeiert, ja; aber ausgelacht, es war zu toll. Und erzürnt raffte sie ihr Kleid auf und lief in den Garten hinein, in dem Frau Sophia Christine eine bescheidene Blumenzucht unterhielt. Rosen, Nelken, Braut im Haar, Ringelblumen und allerlei bunte Sommerblumen blühten. Wütend zerrte Louison an den Blumenköpfen, riß eine Hand voll ab, warf sie auf den Weg und trat darauf. Und gerade wollte sie die unnütze kleine Hand nach neuen Opfern ausstrecken, als ihr jemand heftig auf die Hand schlug. Anthoine war es. Mit blitzenden Augen stand er vor ihr und schalt: »Die Blumen hat die Frau Mutter gepflanzt.«

»Ah« – die Kleine wollte ein Wort rufen, das spottete und höhnte, aber auf einmal kam ihr das Erinnern an die Tage vor Festen, an die Sonnabende vor den Kirchsonntagen, sie sah sich mit einem Körbchen hinter der Mutter her trippeln und die füllte es, jede Blüte sorgsam prüfend, ob sie auch geeignet sei zum Schmuck der kleinen Kapelle.

Tränen drängten sich in des Kindes Augen, ganz bittere sehnsüchtige Tränen. Da sagte eine rauhe Stimme: »Kruzitürken, das ist ja nun wohl das Fräulein Louison?«

Breitbeinig, in seiner alten Kriegstracht stand da Nikolaus Rabe, der schaute seine kleine Freundin genau so gutmütig an wie damals, als er das Kindertrüpplein im Walde gefunden hatte.

Louison ließ die Hände sinken. Erst staunte sie etwas über die bunte Gestalt auf dem Wege, doch dann vergaß sie ihr weites Brokatkleid, ihre künstliche Haartracht, mit einem Jubelruf ergriff sie des Kinderfreundes Hand. »Niklas, Niklas,« rief sie, »wo kommst du denn her?«

»Nu eben aus meinem Hause. Potz Kalbsfell, was ist das Fräuleinchen fein!«