Louison kam. Eine kleine Dame stieg da aus dem Wagen, ein höfisches Püppchen grüßte mit einer steifen, feierlichen Verneigung Eltern und Geschwister. Der starre Brokat des Gewandes rauschte, die braunen Locken fielen zu beiden Seiten des Gesichtchens herab und an einer goldenen Nadel wippte keck eine rote Feder bis über den breiten Kragen aus Brüsseler Spitzen hinweg.
Louison de Charreard trug ihr Staatsgewand, so hatte es die Herzogin angeordnet, und Louison betrug sich ganz, wie es ihre fürstliche Gönnerin von ihr erwartete. Sie plapperte ein paar französische Phrasen dahin, sprach ihre Freude aus, alle wiederzusehen, küßte den Eltern unter weiteren tiefen Verbeugungen die Hand und dann – versagte ein paar Augenblicke die gute Erziehung, denn der Bruder Anthoine brummte unwirsch: »Das ist ein Pfau, das ist nicht unsere Louison.«
Dann entstieg noch eine kleine Paradepuppe dem Wagen, das war die Prinzessin Elisabeth Marie, die ersah Anthoine und lief rasch auf den Buben zu, zog ein Schelmengesicht und tippte den großen Jungen an: »Du bist Anthoine, dich will ich einmal heiraten.«
Die Herzogin lächelte milde und redete gütig, aber Frau Sophia Christine meinte doch, ihre Stimme wäre voller Hohn, ihr Lachen böse. –
Bis zur Leuchtenburg war das Gerücht von der Fahrt der Herzogin nach dem Gute Pösen nicht gedrungen, darum ritten an diesem Nachmittag die Buben Heinrich Wilhelm von Dracksdorf und Adrian Rudolf ganz fröhlich dem Gute zu. Sie ritten durch den Wald, in dem vor etlichen Jahren der heimkehrende Feldwaibel Nikolaus Rabe die drei Charreards gefunden hatte. Und wieder wie damals kamen die beiden zuerst am Rabenhofe vorbei, aber der Bauer, die Bäuerin und Magister Albertinus waren nach dem Gute zuschauen gegangen und standen nun noch immer in der Mitte des Hohlweges und tauschten Rede und Gegenrede. Der Frau hatte die Auffahrt gefallen, der Mann sagte bitter: »Das ist nicht Louison.«
Unten im Tale ertönte Hörnerruf und oben im kleinen Festsaal spitzte Anthoine die Ohren: seine Freunde kamen! Auch Sophia Christine hatte den Klang vernommen und ihr Blick lief zu ihrem Kinde hin, neben dem ein schöner, stattlicher Mann stand, der Oberst Raoul St. Laurent. Mit dem Hofherrn unterhielt sich Louison wie eine weltgewandte Dame, ihre Schwester Jeannette stand linkisch und scheu neben ihr. Und nun kam der Jugendfreund ihres Kindes, der Bube, dessen Mutterlosigkeit Frau Sophia Christine einst tief gefühlt hatte im ersten großen Mutterglück.
Ihre Augen winkten, und Anthoine, der das Augenwinken der Mutter besser verstand als des Vaters französische Reden, ging hinaus, damit die Freunde nicht aus Scheu vor dem fürstlichen Besuch auf und davon ritten.
Oben hatte die Herzogin huldvoll gesagt, Jeannette solle doch ihrem kleinen Fräulein und der Schwester den Garten zeigen, und Jeannette war froh, Elisabeth Marie folgte ihr gern, Louison lächelte geziert, sie fühlte sich nicht bewundert genug. In ihrem eitel gemachten, törichten, kleinen Herzen hatte sie immer und immer wieder an den überwältigenden Eindruck gedacht, den sie daheim hervorrufen würde. Nun hatte sie kein Wort des Staunens über den wundervollen Anzug vernommen, nur das böse Brummen des Bruders, sie wäre ein Pfau. Mißmutig ging sie hinter der Prinzessin her; die nahm ganz fröhlich Jeannettes Hand, worüber Louison sehr das Näslein rümpfte. So wenig unterwürfig zu sein, war nicht Hofton.
Die drei ungleichen Gefährtinnen traten just aus dem Hause, als die Buben hinein wollten. Adrian Rudolph blieb der Mund offen stehen, als er in dem prächtig geschmückten Frauenzimmer seine kleine Freundin von einst erkannte. »Louison!« rief er betroffen.
»Ach Monsieur Rudolph und Monsieur de Dracksdorf,« rief Louison. Sie legte das Köpfchen zur Seite und blinzelte die beiden herablassend an, und als sie die beiden verdutzt anstaunten, plapperte sie ein paar französische Sätze herab, so wie sie es oftmals in Paris vernommen hatte.