Es konnte ihr niemand helfen. Herr de Charreard, der Louisons Aufenthalt am Hofe immer als ein besonderes Glück angesehen hatte, spürte es erst in dieser Stunde: er hatte sein Kind ganz verloren.
Doch wurde Louison eine unerwartete Hilfe. Die kleine Prinzessin Elisabeth Marie weinte bitterlich und flehte ihre Mutter an, Louison dazulassen, flehte so lange, bis die Herzogin versprach, Louison dürfe, wenn sie jetzt brav sei, ihre Eltern zweimal jährlich besuchen, sie solle auch keine Strafe heute erhalten.
Louison schwieg ganz still. Der Herzogin Strafen waren hart, aber sie wußte, die kleine Prinzessin würde ihr beistehen. Still ließ sie sich nach vielen Verbeugungen in den Wagen heben, dann traten die Geschwister und Adrian Rudolph und Heinrich Wilhelm von Dracksdorf noch einmal heran, und Anthoine de Charreard benahm sich zur Verwunderung seines Vaters wie ein rechter, kleiner Hofherr, er küßte der Prinzessin die Hand und dabei sagte er kurz, aber aus ehrlichem Herzen heraus: »Vielen Dank.«
Herr de Charreard gab seinen Gästen wieder das Geleite. Louison saß steif und sehr blaß im Wagen und Sophia Christines Augen waren voll Tränen. Sie fühlte es tiefer als je, man nahm ihr ihres Kindes Herz.
Oben am Hohlweg über dem Rabenhof stand Nikolaus so, als stünde er auf Wache im Felde. Seine Augen waren finster, als die Wagen daherrollten, sein Gruß mürrisch, und nur eine bekam einen guten Blick, die kleine Louison. Nun schleppten sie das Kind wieder weg, und der Bauer grollte im Herzen: Wie mich damals die Schweden fortgeschleppt haben, just so ist es. Dann kriegt man andere Gedanken, wird anders in der Welt draußen, lernt anders reden, und wenn man heimkommt, merkt man erst, was man verloren hat. Und nach dieser langen Rede mit seinem Herzen stapfte er den Berg hinab und suchte den alten Magister Albertinus auf, um mit dem von des Lebens wunderlichen Wirrsalen zu reden.
[10. Kapitel.]
Beim Abschied von Pösen hatte die Herzogin Marie ein Wort gesagt, das Frau Sophia Christine nicht mehr aus dem sorgenden Sinn kam. Das Wort: »Wenn der Junker Anthoine größer ist, hole ich ihn mir, freilich, er muß noch etwas französische Politesse annehmen, mein lieber Monsieur de Charreard muß ihn für mich erziehen.«
Sophia Christine ahnte, ihrer Kinder bestes Glück ruhte in der Heimat, das Draußen würde sie friedlos und zwiespältig machen, wie es die kleine Louison schon war und noch mehr werden würde. Und seitdem kämpfte sie um das In-der-Heimat-Bleiben ihrer Kinder. Sie kämpfte mit Liebe und Zärtlichkeit, mit sanfter Strenge, sie kämpfte so treu und fest, wie dies nur eine Mutter tun kann.