Herr de Charreard merkte nichts von diesem stillen zähen Kampf seiner Frau um das innere Wesen ihrer Kinder. Er hatte reichliche Arbeit; Sorgen gesellten sich dazu. Den Besuch der Herzogin hatte er in böser Erinnerung. Ein paarmal ertappte er sich darauf, daß er der frischen Anmut Jeannettchens den Vorzug gab vor Louisons steifer Geziertheit. Er sagte sich dann freilich jedesmal, daß er der armen Louison Unrecht tue, und wenn er, was selten genug geschah, sie in Jena besuchte, war er gütig gegen die Kleine. Sonst freute er sich selbst jedesmal, wenn er von einem Hofritt heimkehrte und im Grunde das große feste Haus liegen sah.
Ein Jahr ging hin, Louison kam nicht heim, noch eins und noch eins, da ritt Herr Anthoine de Charreard eines Tages mit gefurchter Stirn von Jena zurück. Im Mantelsack brachte er als Basenerbe für seine Frau die zwei Silberleuchter mit, aber er hätte die und auch gern sein ganzes bescheidenes Schätzlein dazu gegeben, wenn er seiner Frau nicht die Botschaft der Herzogin hätte sagen müssen, daß diese den Junker Anthoine zum Pagen verlangte.
An diesem Tage ging gerade Frau Sophia Christine ihrem Gatten bis an die Linden entgegen, denn sie blühten wie am Tage des Einzugs. Die Frau ahnte etwas von dem Kummer, den ihr Mann heimbringen würde, und wie sie auf einer Grasbank unter den Linden saß, gesellte sich der Bauer Nikolaus Rabe zu ihr. Seit der alte Magister in seinem Hause wohnte, war die Freundschaft zwischen Rabenhof und Herrenhaus gewachsen, denn auch Herr de Charreard hatte längst seinen Groll gegen den Magister begraben. Der alte Mann, gutmütig und duldsam, trug dem Gutsherrn seine rasche Härte längst nicht mehr nach. Und der Bauer, der so viel in der Welt herumgetrieben worden war, geriet oft in ein sinnierliches Nachdenken über der Menschen wunderlich Tun und Wesen. Sophia Christine unterhielt sich gern mit ihm. Und als er jetzt kam, nicht mit Worten fragte, sondern seine hellen Augen forschen ließ, gab ihm die Gutsfrau Antwort und legte ihre Sorge vor ihn hin wie ein dunkles Tuch.
»Ob dahin oder dorthin, einmal wird der Junker schon hinaus müssen,« sagte der Bauer. »Dunderschlag ja, ein feiner Junker ist er, und den Wind muß er sich doch mal um die Nase wehen lassen. Schätze aber, unsern Junker drehen sie nit um und um wie das kleine Fräulein Louison.« Allemal, wenn Nikolaus diesen Namen nannte, kam ein weiches Tönen in seine rauhe Stimme. Louison blieb seines Herzens Liebling.
»Ja, es ist wohl gut, wenn er hinauskommt, aber –«
»An welchen Hof er kommt, ist gleich, schätze ich.« Der Bauer sah die Frau treuherzig an. »Viel Gutes ist wohl da und dort nicht zu lernen, aber der Junker hat's in sich, das Feste, das Treue, der fällt nit um.«
»Und es zieht ihn hinaus,« murmelte seine Mutter.
Es zog den jungen Anthoine freilich hinaus. Wie sehr, ahnte seine Mutter nicht einmal, die schaute nach dem letzten Wort versonnen über sich in die breitgedehnten blühenden Kronen, und über dem Summen und Schwirren darin überhörte sie das rasche leise Schreiten junger Füße, bis wie ein Quell ein Lachen hinter ihr aufsprang. Anthoine und Jeannettchen standen da und sie riefen froh des gelungenen Überfalls: »Wir haben die Frau Mutter überrascht.«
»Ich erwarte den Vater, um diese Zeit kommt er ja meist heim.«