Und als hätte ihr das bunte Kraut Schwungkraft gegeben, mit so leichter Anmut schritt sie heiter den Berg abwärts, ihr Fuß fand sicher den Weg, aber auf halber Höhe blieb sie stehen. Sie sah in die grüne blühende Lindenherrlichkeit hinein. Sie atmete den Duft, der schwer und süß die Luft erfüllte, und sah die blühenden Linden umdrängt, umsummt von Hunderten von Bienen. Die feinen Stiele der Blätter erzitterten, so heftig war der Ansturm des fleißigen, kleinen Volkes.

Sophia Christine stieg auf einen Wegstein. Was sie da hörte und sah, war ihr eine fremde Musik, noch nie gesehenes Leben. Wie die kleinen Tiere hin- und herflogen, manche ganz beschwert von gelbem Blütenstaub, wie sie emsig sich in die Blumen einbohrten, das war Arbeit und Mühe. Sophia Christine wußte nicht viel vom Tun der Bienen, aber sie sah den rastlosen Fleiß, und unwillkürlich knüpfte sie ein Band von diesem tätigen Leben zu ihrem Leben hin. Und eine junge, frohe Arbeitsfreude ergriff sie. Sie tat einen Hupfer, landete ein wenig schwankend auf dem Weg und wandte ihr Gesicht jetzt ohne alle Scheu dem vornehmen Gemahl zu und rief: »So möchte ich werden!«

»Wie, Madame? Sie träumen wohl!« Herr Anthoine de Charreard sah zum erstenmal recht die holdselige Anmut seiner jungen Frau, darüber ging ihm seine feierliche Steifheit etwas verloren: er trat neben Sophia Christine, die hurtig wieder den Stein erstieg und ihrem Mann das summende, blühende Sommerwunder der Lindenkronen wies.

Sie standen beide, sahen, wie die Bienen auf und ab flogen, die Blüten sich bogen; dem Herrn de Charreard kam dabei der Gedanke, daß er früher immer an eine vornehme Frau gedacht hatte, die mit ihm zu Hofe gehen sollte. Kein Hausbienchen. Aber nun sah er den Wind in den Locken seiner jungen Frau spielen, er sah ihr frohes Kinderlächeln, und ganz sanft umfaßte er sie, hob sie von dem Stein herunter und sagte: »Wir wollen heimgehen, Madame!«

Und wieder legte Sophia Christine ihre Hand nur lose in die des Mannes und dann gingen sie sacht nebeneinander den Weg abwärts unter den tief schattenden Linden dahin. Bis sich der Weg ein wenig bog und die junge Frau einen hellen Freudenruf ausstieß.

Im Tal lag ein stattliches Anwesen. Freilich das Dach des Wohnhauses und die Ställe waren schadhaft; aber vor dem Haus blühte auch eine mächtige Linde, wilder Wein und Efeu rankten sich an den Mauern hoch, in einem kleinen Terrassengärtchen glühten Rosen; Sonne und Himmelsblau gaben dem Bild Farbe und Freude. Hinter dem Hause stieg ein mit Nußbäumen bepflanzter Berg empor, gegenüber krönte Nadel- und Laubwald die Höhen, und durch das Tälchen rann ein kleiner Bach so heiterschnell wie Kinder laufen.

Sophia Christine dachte an das düstere Haus in Jena, in dem sie an der Seite eines harten Vaters eine freudlose Jugend verlebt hatte. Und hier war Glanz auf Wiesen und Wegen, Glanz auf den Höhen, Glanz über dem Haus. Ein sommerfrohes Summen und Singen erfüllte die Luft, und Herr Anthoine de Charreard sah in den Augen seines Weibes den Widerschein alles Sommerglanzes und da strömte auch ihm aus dem stillen Tal Heimatfrieden entgegen. Jetzt hielt er die Hand seiner Frau nicht mehr, als schritte er mit ihr zum höfischen Tanz, er hielt sie fest umschlossen, und so gingen sie beide schweigend dem Hause zu.

Am Wegende gackerte eine Henne. Goldbraun, behäbig, zehn Küchlein umpiepsten sie. Und Sophia Christine vergaß, daß es für eine Madame de Charreard, Gattin des Kammerjunkers Monsieur Anthoine de Charreard, nicht schicklich war, auf dem Boden zu hocken wie ein Spielkind. Sie kniete nieder, breitete ihr Kleid weit aus und ließ mit einem kinderfrohen Locken Glucke und Küchlein in diesen Hafen laufen. »Und sie gehören uns,« rief die junge Frau mit einem innigen Sington in der Stimme.

»Ja, sie gehören uns, Sophia Christine.« Auch der Mann vergaß den höfischen Umgangston, sein Herz redete, da kam der Name weich und zärtlich heraus. »Doch nun komm, sie erwarten uns am Hause.«