Vor dessen Tür drängte sich ein Häuflein Menschen zusammen. Drei Mägde, die eine ältlich, ein Hofverwalter, und neben dem Knecht standen noch zwei Männer und drei Frauen. Die waren von der jenseitigen Höhe von dem Dorfe Zimmritz gekommen, es waren die letzten Anwohner des einst zu dem Gute gehörigen Dorfes, das die Schweden völlig zerstört hatten. Sie standen hager, gebeugt da, aber wie die junge, liebliche Frau so daherkam, ein Lächeln auf den Lippen, fanden auch sie ein karges Lächeln, war es doch, als wehe ihnen der Sommerwind eine lichte Wolke entgegen.

Und Sophia Christine, die bis daher das schweigsamste Jüngferlein auf der Welt gewesen war, fand warme, gute Worte, als sie in die von Gramlinien durchzogenen Gesichter blickte und die harte Hand des Hofverwalters ihre Rechte umschließen fühlte. In ihrem Herzen sprang ein Quell auf, und eine Anmut kam in Wort und Blick, die das verschüchterte Kind daheim nie besessen hatte. Auch Anthoine de Charreard fühlte Wärme, Freude in sich, auch er, dessen Hochmut einst manchen gekränkt, redete ohne Herablassung, mit heiter sicherer Würde zu den Leuten.

Steife, stelzbeinige, seltsam verschnörkelte Glückwünsche mußten die Beiden aushalten, feierliche Verzierungen waren den Sätzen beigefügt, aber es schwang immer ein guter Unterton mit und die Begrüßung gab beiden Parteien, den neuen Besitzern, den Dienstleuten und Anwohnern, das Gefühl, es wird mit uns zusammenstimmen.

Zuletzt durchzitterte eine ganz leise Ungeduld Sophia Christines Herz. Die galt dem Haus. Das lockte sie, die Kühle, die ihr aus dem weiten Flur entgegenströmte, die geschlossenen Türen, die dicken Mauern, alles hatte einen besonderen Reiz für sie, und sie zog den Mann mit heiterer Schelmerei hinein, als die alte Magd Röse ernsthaft fragte: »Darf ich Gnaden das Haus zeigen?«

»Ach ja, ach ja!« Das Haus ansehen, das eigene Haus, die neue Heimat.

Die Zimmer und Flure waren niedrig, aber geräumig. Nach dem Hof hinaus lagen zwei Zimmer und ein kleiner Festsaal. In dem standen fremd, gar nicht dem Raume sich einfügend, ein paar weißlackierte, mit rotem Damast überzogene Stühle neben einem alten Eichenschrank. Die Stühle hatte die Herzogin Marie gesandt. Den Schrank hatte der Geheime Rat Ries aus dem Nachlaß der alten Frau von Nesselrode erstanden. Die Bilder der letzten Nesselrodes hingen noch an den Wänden, ein paar Zinkkannen standen auf dem Schrank. Ein wunderliches Gemisch von Prunk und Ärmlichkeit bildete auch die Einrichtung der anderen Stuben. Drei, vier neue Stücke, das andere aus dem Nachlaß erstandenes, zum Teil hundert und mehr Jahre altes Hausgerät. Es hatte keine liebevolle Hand Herrn Anthoine de Charreard und seinem jungen Weibe das Heim bereitet. Sie flatterten wirklich wie ein paar verflogene Vögel in ein fremdes Nest, fühlten aber doch rasch die Wärme des Nestes. Und Sophia Christine ging mit der hellen Freude einer ganz jungen Frau durch alle Räume des Hauses. Oben im obern weiten Flur blieben sie vor einem grünen Schrank stehen, er zeigte die Zahl 1618.

»Damals hat's angefangen, das Unglück,« sagte die alte Magd leise, »den hat unsere alte Gnädige mitbekommen, als sie geheiratet hat.«

Sophia Christine strich linde über das Holz, nickte versonnen und fragte: »Wo liegt die Frau begraben?«

»In der Kapelle. Beide.«

Ach ja, es war eine Kapelle im Hause. »Wir wollen hineingehen,« sagte Sophia Christine fromm. Sie faßte nach der Hand des Mannes und ging still neben der alten Beschließerin die Treppe hinab. Vom unteren Flur bog ein schmaler Gang ab. Der führte nach der Kapelle. Die Magd öffnete das schmale Türlein, das nach einer kleinen Empore führte. In der Wand war ein Loch, und das Holzgetäfel schien locker. Die Magd schob es zurück, eine kleine Kammer, fensterlos und muffig, wurde sichtbar. »Darin haben wir alle gelegen, als die Schweden hier waren,« redete die Alte dumpf in die Dunkelheit hinein. »Herregott, Herregott, war das eine Angst! Wenn sie uns gefunden hätten, wär's uns gegangen wie dem Lemnitzer, dem sie Jauche in den Hals gegossen haben, bis er schier verplatzt ist. Unsere alte, gnädige Frau hat den Husten gehabt, da hat sie zum Heine gesagt: ›Mach mich tot, mach mich tot, ich verrate euch sunsten.‹ Wir han ihr'n Bett übergelegt und han gedacht, sie verstickt uns, aber sie ist am Leben geblieben. Der Herr unser Gott hab' sie selig, sie war gut zu Mensch und Vieh.«