»Wenn – wenn, liebwerteste Jungfer Bedenklichkeit, – wenn der Fisch Beine hätte, könnte er laufen, man muß nicht zu oft ›wenn‹ im Leben fragen.«

Jeannettchen wurde froh bei dieser Strafrede. Ihr Blick lief noch einmal den krausen Linien nach, ihre Gedanken überflogen die Weite zwischen Land und Land und sie dankte getröstet dem alten Magister. Ja, sobald Friede war, würden sie heimkommen. Der Brandenburger würde sie gar nicht mehr brauchen.

Doch ein hochgelehrter Herr Magister und eine junge Jungfrau zusammen können in Kriegsdingen irren. Die Ausgezogenen kamen nicht heim. Erst schloß der König Ludwig mit den Staaten, dann mit Spanien und als der Frühling nahte, mit Österreich Frieden, aber die drei Freunde und der alte Kriegsmann hatten es nun einmal vor, noch gegen die Türken zu ziehen, und sie tummelten sich weiter in der Fremde herum.

Der Tag ihres Auszuges jährte sich zum zweiten Male und in Pösen dachte man an die Hochzeit der schönen Louison mit dem Herrn de St. Laurent. Der Oberst war aus Frankreich zurückgekehrt, um seine junge Frau zu holen. In Straßburg, das deutsche Schwäche und Verrat an Frankreich ausgeliefert hatten, war sein Quartier bisher gewesen; nun sollte es Paris werden. Er umnebelte Louisons klares Denken so mit seinen wunderreichen Erzählungen von seines Heimatlandes Größe, daß das junge Ding meinte, es ginge durch diese Heirat schier in das Paradies. Die Hochzeit sollte in Stille und Einfachheit gefeiert werden. Die Herzogin lebte seit dem Tode ihres Gemahls in bedrückten Verhältnissen, wollte aber doch nicht darauf verzichten, die Hochzeit selbst auszurichten. Sie gestattete den Eltern nur gnädig, all das zu liefern, was in der herzoglichen Küche fehlte, und Sophia Christine sah eines Tages wehmütig die Vorratskammern durch, schrieb auf, was da war, und dachte trübe an des jungen Anthoines Taufe. Jetzt brauchte sie nicht mehr nach der Bäuerinnen Hilfe auszuschauen, knapp ging es zwar zu, doch reichte es immer, aber es schien ihr doch, als wäre ihr Glück damals größer gewesen. Ihre sorgenden Gedanken hingen sich an ein fürstliches Handschreiben, das vor kurzem der Bote gebracht hatte. Ihr Mann hatte es erbrochen, gelesen und war dann schweigend den Hausberg hinaufgegangen. Nun wußte sie, es war Schweres, was er erfahren hatte, und sie wartete lange auf sein Zurückkommen und seinen Bericht.

Jeannettchen hatte nichts von dieser aufziehenden Wolkenwand bemerkt. Die schritt am Leutrabach hin und ihre Gedanken umspannen Geschwister und Freunde, während sie sich von einem lauen Sommerwind umwehen ließ. In der Mühle war das elfte Kind geboren worden und Jeannettchen trug eine Gabe für die Frau im Korb. Die gab sie ab, sprach mit dem Müller, dessen Gesicht bei jedem Büblein oder Mädelchen, das in der buntbemalten Wiege lag, um ein Scheinchen heller wurde, dann rüstete sie sich zum Gehen. Bis zum Waldrand schritt sie noch, tiefer hinein wagte sie sich nie, obgleich man nie mehr ein Schauermärlein hörte, das im stillen Tal den Frieden gestört hätte.

Und wie Jeannettchen so unter einer der großen Tannen saß, vernahm sie auf einmal Pferdegetrappel. Wie damals, als Nikolaus Rabe heimkehrte. Sie blieb aber ruhig sitzen, dachte, es wird ein Bote von der Leuchtenburg sein, drüben lag ja die Mühle, die klapperte, der Bach lärmte, es herrschte nicht jene verwunschene Stille im Tal wie damals. Das Trappeln kam näher, und dann sprang Jeannettchen doch erschrocken auf, als sie von der Seite einen Reiter daherkommen sah, dem man das Kriegswesen ansah. Aber der Schreck war nur kurz. Die Augen des Mannes blickten froh, das rote Gesicht erstrahlte und Jeannettchen rief jubelnd des Jugendfreundes Namen: »Heinrich Wilhelm, Ihr!«

»Eia ja, da bin ich,« antwortete der behaglich. »Mademoiselle Jeannette hat mich beim Teufel rekonnässiert.«

Jeannettchen hörte an dem fremden Ton vorbei, ein Schatten flog über ihr Gesicht: »Allein?« fragte sie mit verhaltener Sorge.

Der Junker von Dracksdorf sprang von seinem Pferde, schlang die Zügel um die Tanne und warf sich ins Gras; da setzte sich Jeannettchen wieder auf den bemoosten Stein und bat: »Erzählt.«