Aber freilich, Jeannettchens junges Glück stand wie eine Sonne über dem Hause. Einmal zog eine Wolke darüber, die Herzogin Marie von Jena starb. Sie hatte Frau Sophia Christine viel Herzeleid angetan, und doch weinte die Frau um sie, sie gedachte der verlassenen Kinder.

Es war im August. Ein paar Wochen später fuhr die kleine Prinzessin Elisabeth Marie von Jena nach Pösen, sie wollte, ehe sie an den Hof des Herzogs Johann Georg zu Eisenach reiste, um dort zu bleiben, Abschied nehmen. Was der Hochmut ihrer Mutter Frau Sophia Christine zu Leide getan, das glich die Tochter unbewußt in zärtlicher Liebe aus. Sie war so selten in Pösen gewesen und hatte doch das Gefühl, heimzukommen, als sie vor sich das einsame Tal in goldrotbrauner Herbstpracht liegen sah. Und zum großen Entsetzen ihrer Begleiter verlangte sie den Hohlweg hinab zu gehen, und sie ging mit federndem Schritt – wie einst Frau Sophia Christine.

Und dann verlangte sie alles im Haus, auf dem Hofe zu sehen, sie ging in die Kapelle, kroch die Hühnerstiege hinan, wußte, wo alles stand und lag; wie ein Märchen von Sonne und Glück war ihr alles, von dem ihr Freund Anthoine ihr einst erzählt hatte, in das Herz gesunken. Zuletzt forderte sie, während ihre Begleiter mit den Charreards im Festsaal saßen, von Jeannette, sie solle sie nach dem Rabenhof begleiten. Jeannettchen erschrak über dieses Begehren. Eine Prinzessin, die zu Fuß nach einem Bauernhof ging, das war doch schier unmöglich. Und wie sie mit der kleinen Prinzessin noch stand und redete und abmahnte, kam auf einmal der Nikolaus von seinem Hause her. Just als hätte ihn das Wünschen der kleinen Prinzessin herbeigezogen, so war es. Nikolaus blieb stehen, wagte sich nicht recht näher und war dann höchst verdutzt, als ihn Elisabeth Marie anrief: »Komm Er her! Ich habe einen Auftrag für Ihn!«

Sie zog einen Brief aus ihrer Tasche, hielt den Nikolaus vor die Nase und fragte: »Zieht Er in den Türkenkrieg?«

»Ist ja keiner,« antwortete der Bauer erstaunt, und über dem Erstaunen vergaß er die Höflichkeit.

»Er kommt aber. Seine Liebden, mein gnädiger Herr Oheim, haben es gesagt! Ja, vielleicht kommen die Türken gar hierher, wissen kann man es nicht. Wenn Er aber in den Krieg zieht, soll Er den Brief mitnehmen und ihn dem Junker Anthoine geben, damit der schnell heimkommt. Ganz schnell muß er aber kommen.«

Nikolaus starrte das Prinzeßchen mit immer runderen Augen an. Elisabeth Marie tat, als wäre das In-den-Krieg-Ziehen wie ein Spaziergang von Jena ins Leutratal und als müßten sich alle Menschen treffen wie etwa Sonntags vor der Stadtkirche von Jena. »Ich zieh aber nit in den Krieg, die Frau will's nit.«

»Sie muß wollen, Er hat es dem Junker de Charreard doch versprochen?« Elisabeth sah ganz böse drein, und als der Bauer in seiner Verlegenheit die Arme steif herunterhängen ließ und den Brief nicht nahm, brach sie in Tränen aus und rief: »Helf Er mir doch. Ich muß dem Junker Anthoine schreiben, er muß mir helfen, sonst – sonst muß ich Liebden, den Herrn Vetter Wilhelm Ernst, heiraten, und ich will ihn doch nicht.«

Das war freilich eine schlimme Sache.