Adrian wollte jäh um eine Gassenecke biegen, doch Anthoine hielt ihn fest. »Komm mit,« sagte er trotzig. »Es ist vielleicht besser! Mußt nicht so hitzig sein.«

Schweigend schritt dann einer neben dem andern her. Adrian Rudolph widerwillig. Er ärgerte sich über seine Aufdringlichkeit, wie er es nannte, auch über seinen raschen Zorn. Mochte doch der Junker Anthoine seine Geheimnisse vor dem Jugendfreund haben, was scherten die ihn. Mißmutig stapfte er neben dem Freunde einher, der ganz in tiefes Sinnen verloren ging. Eine tiefe Falte lag auf der Stirn, und die Augen, die früher so froh geblickt, hatten einen kummervollen Ausdruck.

Adrian fühlte, eine Last lag schwer auf des Freundes Seele. War es die Not der Stadt, die ihn so verstörte? Milder redete er zu dem Freund, vergaß den Groll über dessen Heimlichkeiten, er redete von der Gefahr, in der die Stadt sich befand. »Es wird furchtbar, wenn sie fällt.«

Anthoine wurde totenblaß, er blieb stumm, ging stumm durch eine schmale Gasse, die nach dem Schottentor zuführte, und murmelte endlich: »Hier!« Ein unansehnliches Haus nahm die Freunde auf, die Treppen waren ausgetreten und schmutzig, hinter einer Türe weinte jemand laut, und Adrian Rudolph staunte über das armselige Quartier des Freundes. Vielleicht hatte der ihn darum nicht mitnehmen wollen. Und warum lebte er so, war er mittellos? So arm waren doch die Charreards nicht mehr.

Bis unter das Dach hinauf stieg Anthoine de Charreard. Oben rief er: »Ich bin's,« wollte noch etwas hinzufügen, da wurde rasch die Türe aufgerissen und ganz im hellen Licht stand ein schlanker, bleicher Knabe.

Adrian erschrak. »Louison!« rief er und wiederholte ganz bestürzt: »Louison!«

Louison de St. Laurent, die Jugendgefährtin, stand vor ihm. Glut und Blässe liefen über das schmale Gesichtchen. Sie wollte des Freundes Namen nennen, aber nur ein zitterndes Lallen kam über ihre Lippen. Sie streckte wie hilfeflehend die Arme aus, ein kurzes, heiseres Aufschluchzen entrang sich ihr, dann taumelte sie, sank auf einen Stuhl, der Kopf schlug hart auf die Tischplatte auf, und plötzlich rutschte sie von der Bank herab, sie war ohnmächtig geworden.

Die Freunde nahmen sie, hoben sie auf das schmale Bett und Anthoine goß ihr etwas Wein ein, rieb ihr die Schläfen und rief ängstlich ihren Namen. Da schlug Louison endlich die Augen auf, unnatürlich groß glänzten sie in dem mageren, bleichen Gesichtchen. Die strahlend schöne Hofjungfer der Herzogin Marie war das nicht mehr.

Und nun bekam Adrian Rudolph die ganze trauervolle Geschichte zu hören. Von den Unglücksjahren, die Louison in Paris an der Seite des eitlen, kaltherzigen Mannes verlebt hatte, von ihrer Flucht, und wie sie beide sich wochenlang in Regensburg hatten verborgen halten müssen, wie sie dann doch hatten heimwärts ziehen wollen, aber in einer Herberge, nahe der Heimat, durch Zufall erfahren hatten, daß Louison verfolgt würde und in Verhaft genommen werden sollte.