Es dachte niemand daran, Louison de St. Laurent ob ihrer Flucht aus des Gatten Haus in Verhaft zu nehmen, und die Leute im Tal bürdeten der schönen Tochter der Charreards keine Schuld auf. Über das Tal hinaus aber ging Louisons Wünschen nicht. Nur als sie in Begleitung der Eltern dem alten Amtsschossen Rudolph auf der Leuchtenburg einen Besuch abstattete, um selbst Grüße und Botschaft Adrians zu überbringen, dachte sie mit einem leisen Schwingen ihrer jungen Seele: es müßte sich gut hausen auf der Burg.
Ein Jahr glitt dahin in stillem Frieden. Als es zum zweitenmal Frühling wurde, fuhr eines Tages eine in das Tor von Pösen ein, die nicht in das strenge Urteil der Hofgesellschaft über Louison de St. Laurent einstimmte. Es war die kleine Prinzessin Elisabeth Marie. Da saß die, um derentwillen Louison einst das Elternhaus hatte verlassen müssen, und schüttete vor der älteren Freundin ihres Herzens großes Leid aus. Die arme, kleine Prinzessin war so unglücklich wie es Louison einst gewesen.
Wer konnte helfen? Anthoine? Der war noch immer fern, und einer Schwester zu helfen ist leichter als einer Prinzessin.
Elisabeth reiste ab, getröstet und doch leidbeschwert. Anthoine blieb noch immer fern. Doch als die Linden blühten, ritten wieder zwei Heimkehrer durch das Leutratal, sie kamen von der Leuchtenburg, der ersten Rast in der Heimat. Der eine hatte sich noch in Wien den Doktorhut errungen, der andere war des Krieges müde und er trug schwer an dem Grausen, das er gesehen hatte.
Als sie beide am Rabenhaus anlangten, stand Nikolaus vor der Türe; breitbeinig, wohlhäbig, er hatte den Kriegsmann nun ganz in die Tiefe versenkt, war nur noch Familienvater und Bauer. Er erhob seine Stimme laut, als er die beiden sah. Wie Siegesruf klang es durch das stille Tal, und der Magister Albertinus, der im Hausgärtchen seinen Mittagsschlummer hielt, schrak zusammen. Aber bald verstand er das Freudenrufen und er kam so schnell er konnte herbei. Sein gutes, altes Gesicht strahlte. Anthoine war heimgekehrt, der, an dem sein Herz wie an einend Sohne hing.
»Der Herr Magister!« Anthoine sprang vom Pferd und begrüßte den alten Lehrer ehrfurchtsvoll, und der sagte still: »Nun kann mich der Herr zu sich nehmen, nun ich dich – Euch –«
»Aber Magister, lieber, guter Herr Magister!«
»Dich gesehen habe.« Und dann drehte sich der Alte zu seinem treuen Hauswirt um und sagte strafend: »Hör' nur, Nikolaus, der Anton kommt heim und bringt kein verwelschtes Maul mit, wie du es alleweil getan hast.«
»Parbleu – jemine, na ja Dunderwetter, ich gewöhn's mir ja noch ab.«
»Und wie geht's in Pösen?« Den beiden Freunden waren in diesem Augenblick alle Fremdwörter gleich, sie strebten dem Herrenhause zu, sie mußten aber langsam reiten, denn der Magister ging mit. Nikolaus folgte auch, und so langten sie auf dem Gut an. Ganz eingehüllt in Lindenduft war es, war sommerschön, war Heimat.