„Na, dann paß’ auf!“ sagte Liebetraut, und sie begann feine, liebe Geschichten zu erzählen, vom Wald, von Blumen, Bäumen, von schelmischen Waldgeistlein und lieben, lustigen Menschenkindern. Sie erzählte und
erzählte, und wenn sie einmal etwas innehielt, gleich schrie Kasperle: „Mehr, mehr!“
Aber dann merkte Liebetraut auf einmal, daß Kasperle ganz still war. Da ließ sie ihre Arbeit sinken, blickte auf und sah — Kasperle war eingeschlafen. Sie lachte leise vor sich hin. Na, dachte sie, wenn einer neunzig Jahre geschlafen hat und kann dann noch nicht eine Nacht wachen, das ist schon ein kleiner Faulpelz! Sie selbst nähte emsig weiter, merkte es gar nicht, daß draußen der helle Tag heraufzog, und gerade als sie den letzten Stich tat, öffnete sich die Türe und Mutter Annettchen trat ein. „Aber Mädchen,“ rief diese, „die Lampe ist ja ganz niedergebrannt und —“
„Kasperle ist eingeschlafen,“ sagte Liebetraut, sie hob das fertige Kittelchen hoch, „und ich bin fertig.“
„Gott sei Dank, daß der kleine Irrwisch doch noch schlafen kann!“ Mutter Annettchen lachte. „Ich hatte schon Angst,“ redete sie weiter, „er würde nun neunzig Jahre keine Nacht mehr schlafen mögen. Wir hätten ihn dann wirklich in den Schrank sperren müssen.“
„Ich will nicht in den Schrank gesperrt werden,“ schrie Kasperle erschrocken. Der war bei den letzten Worten aufgewacht. Und vor Schrecken schoß er gleich einen Purzelbaum über den Tisch hinweg. Hops, bums! Da purzelte er dem Meister Friedolin, der eben aus der Schlafkammer kam, an den Magen, und der gute Meister rief erschrocken: „Uff! Na, man merkt, daß ein Kasperle im Hause ist!“
Drittes Kapitel
Was am Waldsee geschah
Eine ganze Woche war das Kasperle schon im Waldhaus, und es hatte schon mehr dumme Streiche gemacht als zehn Buben in einem Jahr.
Lieber Himmel, was richtete der kleine Kerl alles an! Immer saß er irgendwo, wo er nicht sitzen sollte. Einmal kletterte er in den Geschirrschrank, einmal fiel er in der Vorratskammer in die Milch, dann wieder zog er das Ofenloch auf, und eine Rußwolke flog durch die Stube, oder er brachte Frau Annettchens Näharbeit auseinander, daß die Flicken überallhin verstreut wurden. Manchmal drohte Meister Friedolin: „Warte, ich stecke dich in den Schrank!“ Aber wenn Kasperle dann so jämmerlich weinte und greinte, tat es dem Meister immer wieder leid.
Am wenigsten schalt Liebetraut auf Kasperle; dabei hatte ihr der unnütze kleine Strick schon manchen Schabernack gespielt. Freilich war er danach immer wieder zutraulich und umschmeichelte Liebetraut, da konnte ihm die nicht böse sein. Sie redete auch immer wieder den Pflegeeltern zu, und Meister Friedolin und Mutter Annettchen hatten doch wieder ihren Spaß an dem unnützen Schelm.