Da erhob Kasperle ein großes Geschrei. „Ich will nicht schlafen gehen, ich will nicht schlafen gehen! Ich habe doch fast neunzig Jahre geschlafen und bin nicht mehr müde.“
„Potzwetter, das muß ich sagen, neunzig Jahre, da sollte einer wirklich ausgeschlafen haben!“ sagte der Meister. „Kasperle mag aufbleiben.“
„Allein aufbleiben? I du meine Güte, der möchte eine nette Wirtschaft anrichten! Das geht nicht,“ meinte Mutter Annettchen.
„Ich will mit aufbleiben, ich nähe gleich seinen Kittel fertig.“ Liebetraut war schon dabei, für Kasperle ein neues Röcklein zu nähen.
Erst sah Mutter Annettchen etwas bedenklich drein, das Aufbleiben mochte ihr nicht recht gefallen. Aber Meister Friedolin meinte, so schlimm wäre das nicht, und ein ordentlicher Kittel täte Kasperle wirklich not.
So durfte denn Liebetraut aufbleiben. Die Pflegeeltern gingen zu Bett, und das zappelige Kasperle versprach, es würde stille sein und nicht Tische, Stühle und Schränke und sonst allerlei umwerfen. Es setzte sich in eine Sofaecke und schaute ganz brav zu, wie Liebetraut nähte. „Mach’ einen Kittel, wie ihn kleine Menschenjungen tragen,“ bettelte er.
„Warum denn?“ Liebetraut sah den Kleinen erstaunt an. Da schlitzte der ein wenig die Augen zu und brummelte: „Es brauchen doch nicht alle zu sehen, daß ich ein Kasperle bin!“
„O Kasperle,“ rief Liebetraut, „ich merke es schon, du denkst ans Ausreißen! Das wird also nichts. Du bekommst einen richtigen bunten Kasperlekittel. Da, die grasgrünen, feuerroten und himmelblauen Flecke kommen alle darauf.“
Kasperle brummte und schmollte ein bißchen, als aber Liebetraut mahnte: „Denk’ an dein Versprechen!“ da hing er die Nase und wurde still. Er sah gleich ganz tiefbetrübt aus, und Liebetraut sagte mitleidig: „Erzähle mir was, Kasperle!“
„Erzähle du mir was, Liebetraut!“ rief Kasperle. „Ach bitte, bitte, bitte, Kasperle hört schrecklich gern Geschichten!“