Dieses nickte immer vor sich hin, ein bißchen nachdenklich und ein bißchen betrübt, und Liebetraut fühlte plötzlich tiefes Mitleid mit dem kleinen Kerl. Sie trat zu ihm, streichelte ihn sanft und sagte freundlich: „Ein neues Kittelchen muß er aber haben; da seht nur, seins ist ja ganz morsch.“
Kasperle blickte zu dem schönen Mädchen auf, und er sah die Güte in ihren Augen strahlen; da gewann er sie lieb. Er lehnte sich an sie an und bettelte: „Näh’ mir gleich ’nen Kittel! Ich will dir auch immer folgen.“
Liebetraut fielen die Worte des Meisters Ephraim ein, und sie fragte schnell: „Immer folgen und auch nicht ausreißen?“
„Nein, nicht ausreißen,“ versprach Kasperle treuherzig.
„Gibst du dein Wort, kleines Kasperle?“ Liebetraut hielt des Kleinen Hand fest, und der nickte wieder und beteuerte: „Ich reiße nicht aus, aber — ich will auch nicht mehr in den Schrank.“
„I bewahre, da kommst du nicht mehr hinein!“ sagte Meister Friedolin. Der hatte nämlich sein Schnitzmesser genommen und begann der Puppe, die er schnitzte, Kasperles Gesicht zu geben, wie der flehend zu Liebetraut emporsah. Hei, wie das ging! So flink war das Schnitzen noch nie gegangen. Der Meister dachte bei sich: Ei, nun sollen Meister Friedolins Kasperlepuppen erst recht auf Messen und Märkten gefallen!
Das Kasperle aber rieb sich jetzt den letzten Schlaf aus den Augen, und je mehr es sich umsah, desto besser gefiel es ihm wieder im Waldhaus. Da schoß es plötzlich vor Freude einen Purzelbaum, hopp! hoch über Mutter Annettchen hinweg. Und ehe die kleine Frau noch wußte, wie ihr geschah, saß das Kasperle schon auf ihrem Wandbrett und begann mit den schönen blanken Zinntellern Fangeball zu spielen.
„Warte, du Irrwisch!“ schalt Mutter Annettchen, und dann tat sie einen Seufzer. „I, da haben wir ja einen rechten Kobold im Haus!“
Ein Kobold war nun Kasperle gerade nicht, aber ein unnützer Schelm war er. Das merkten die Waldhausleute gleich am ersten Tag. Das polterte, klirrte und krachte nur so im kleinen Haus, mal saß Kasperle oben, mal unten. Er kroch in alle Ecken, und fand er
ein Stück vom uralten Hausrat, erhob er ein großes Geschrei. Viel zu erzählen, wie es damals gewesen war, wußte er freilich nicht, das hatte er alles verschlafen. Nur die Sachen erkannte er wieder und die Namen wußte er noch. Frau Annettchen nannte er immer Madame Erdmute. Der gefiel das gar nicht. Ihr war das Kasperle überhaupt etwas gar zu wild, und sie war froh, als es Zeit war, schlafen zu gehen. Sie mahnte: „Ins Bett, ins Bett! Abends Licht verbrennen und morgens die Sonne unnütz scheinen lassen, ist Verschwendung. Flink, ins Bett!“