Kasperle sah sich in der Stube um, fremd und erstaunt, doch plötzlich erblickte er die große alte Kastenuhr und schrie: „Die hat der Meister gemacht.“

Den Waldhausleuten wurde es ganz unheimlich. War der schnurrige Kauz nun wirklich das Kasperle, das einst mit den Urahnen zusammengelebt hatte? Wie war es in den Schrank gekommen? Hatte es wirklich so viele, viele Jahre geschlafen?

„Besinn dich doch!“ sagte Meister Friedolin.

„Ich weiß nicht.“ Kasperle suchte wieder, das Nachdenken schien ihm arge Mühe zu machen. Ganz traurig wurde darüber sein Schelmengesicht. „Ich weiß nicht,“ sagte er nur immerzu kläglich. Und wieder

schüttelte er sich heftig, und dabei fiel ein großer vergilbter Zettel von seinem Kittel ab.

Liebetraut hob den geschwinde auf. Sie blickte drauf und rief: „Da steht etwas über Kasperle, hier, Vater, sieh!“

Meister Friedolin nahm den Zettel, setzte bedächtig seine Brille auf und las: „Wer dies Kasperle findet, der soll es fein sorgsam hüten, bis es aufwacht, sintemalen es ein echtes Kasperle ist. Mein Lehrjunge Johann Heinrich Pumpel hat böswilligerweise dem Kasperle einen Schlaftrunk gegeben, ein Wunderelixier, das einstens mein Großvater aus dem Lande Italien mitgebracht hat. Davon kann einer viele, viele Jahre in Schlaf sinken. Nach Ablauf der Zeit wacht er dann lebendig wieder auf. Doch ist es ein Teufelszeug, und es weiß jetzt kein Mensch mehr, wie es gemacht wird. Das Kasperle schläft nun schon die vierte Woche, und weil ein Gerede in der Gegend ist, ich hätte einen Zauber im Haus, schließe ich es lieber in den Schrank ein. Dieses schreibe ich auf, weil niemalen ein Mensch weiß, wie seines Lebens Gang ist, und es könnte sein, das Kasperle geriete einst in fremde Hände. Der Pumpel hat seinen Teil gekriegt, mehr Haue, als ihm lieb war; er wird wohl zeitlebens daran denken. Mein Sohn soll das Geheimnis wissen, der soll es wieder seinem Sohne sagen und so fort, bis einmal das Kasperle wach wird. Es soll auch jeder gut und freundlich zu dem Kasperle sein, ihm kein Leid tun. Nur muß man es sorgsam

hüten, denn das Kasperle bekommt manchmal, sonderlich im Frühling, eine törichte Lust auszureißen, und es könnte ihm schlimm ergehen in der weiten Welt, doch bekommt es immer wieder Sehnsucht nach dem Waldhaus.“

„Das hat der Meister Ephraim, der Urgroßvater, geschrieben,“ sagte Meister Friedolin, als er fertig gelesen hatte. „Und nun weiß ich auch, warum der Händler Pumpel so gern den Schrank wollte; der wußte, wer drin steckte. Das echte Kasperle, nein so etwas! Und geschlafen hat es fast neunzig Jahre.“

„Ein Wunder, wirklich ein Wunder!“ Frau Annettchen war die Geschichte ordentlich unheimlich, und sie sah das Kasperle mißtrauisch von der Seite an.