Da rannte Liebetraut zu Meister Friedolin. Der strich just seine letzte Kasperlepuppe an und sah ganz erstaunt drein, als Liebetraut nach Kasperle fragte. „Der ist doch drin, ist doch wieder ins Haus gelaufen!“
Doch Kasperle war nicht drin, er war auch nicht draußen. Liebetraut suchte das ganze Haus ab, sie guckte in alle Winkel und Ecken, öffnete alle Kästen und Schränke und rief zärtlich den Namen des kleinen Schelms. Doch der gab keine Antwort, er war und blieb verschwunden. Liebetraut rannte in den Wald hinaus, Meister Friedolin folgte ihr, sie suchten und riefen, doch kein Kasperle war zu finden. Die Sonne war schon längst untergegangen, die Vögel schliefen bereits in ihren Nestern, da tönten immer noch die rufenden Stimmen durch den Wald: „Kasperle, Kasperle, komm doch wieder!“
Der Mond kam herauf, er warf silbernen Schein auf das Waldhäuschen, und als er so hineinblickte, sah er drinnen drei Menschen traurig am Tisch sitzen, und alle drei klagten betrübt: „Unser Kasperle ist ausgerissen!“ Sie dachten nicht mehr an die vielen Dummheiten,
die der unnütze kleine Schelm gemacht hatte, sie dachten nur daran, daß sie ihn liebgehabt hatten. Liebetraut hielt die Hände vor das Gesicht, sie weinte bitterlich um ihren schlimmen kleinen Kameraden. „Ach Kasperle, Kasperle,“ klagte sie, „warum hast du uns nur verlassen! Und wie wird es dir in der Welt ergehen!“
Viertes Kapitel
In Protzendorf beim Bauer Strohkopf
Wo aber war das Kasperle hingelaufen?
Das war in Fritzles Hosen und Peterles Jacke vergnügt in den Wald gerannt, froh über seine neue Freiheit. In seiner Freude vergaß der Strick alles Gute, was er im Waldhäuschen gehabt hatte, und er beschloß, in die weite Welt zu wandern. Und weil er wußte, daß auf den Straßen, die nach Schönau und Lindendorf führen, manchmal Menschen daherkamen, die im Waldhaus einsprachen, rannte er den Weg nach Protzendorf entlang. Der wurde von den Bewohnern der anderen Dörfer gern vermieden, und Kasperle traf auch wirklich an diesem schönen, sonnigen Tag keinen Menschen darauf. Vor Freude über das Gelingen seiner Flucht begann er auf dem Wege Purzelbäume zu schlagen. Wie eine Kugel fast rollte er die Straße entlang, und beinahe wäre er so nach Protzendorf hineingepurzelt.
Doch da lag ein großer Stein auf dem Wege; an dem stieß sich Kasperle, es krachte ordentlich, und ein Weilchen blieb der kleine Kerl erschrocken liegen. Doch der Stein sagte nichts, es kam auch niemand, da rappelte sich Kasperle auf und sah sich um. Vor ihm, ein wenig tiefer im Tale, lag Protzendorf. Stattlich und wohlhäbig sah es aus, aus den Essen stieg Rauch empor, denn die Protzendorfer Bäuerinnen buken alle miteinander Pfingstkuchen.
Kasperle reckte seine große Nase in die Luft und schnupperte. Hm, das roch fein! Und gleich fühlte er auch ein gewaltiges Rumpeln in seinem Mäglein, und er sperrte seinen übergroßen Mund auf wie ein junger Rabe seinen Schnabel. Doch es fiel keiner Protzendorfer Bäuerin ein, etwa zu kommen und dem Kasperle frischen Kuchen zu bringen. Das gab es nicht. Kasperle seufzte zwar sehr, schließlich aber stand er doch auf, reckte und streckte sich und trabte dann ins Dorf hinein.
Der dicke Bauer Matthias Strohkopf, der reichste Mann von Protzendorf, hatte an diesem Tage früh Feierabend gemacht. Er tat das oft, denn er war so faul, daß selbst die Protzendorfer, die alle ein bißchen träge waren, ihn den „faulen Matthias“ nannten. Der Bauer saß vor seiner Haustüre, neben sich auf einem Tisch hatte er sein Vesperbrot stehen. Er stopfte gerade ein Butterbrot in den Mund, und dazu blickte er auf einen Teller mit frischen Kuchen, den seine Frau ihm just gebracht hatte.