Da kam Kasperle anspaziert. Der sah den dicken Bauer und den frischen Kuchen, und da der Kuchen ihm wohlgefiel, besann er sich nicht lange, lief herzu und steckte eins, zwei, drei! ein Stück in den Mund und noch eins, und ehe der Bauer Strohkopf sich von seinem Erstaunen erholt hatte, war der halbe Teller leergegessen.

Potztausend noch mal! So etwas war dem Bauer sein Leben lang noch nicht widerfahren. „Du Frechdachs!“ schrie er, hob seine dicke Hand und wollte Kasperle schlagen. Doch der nicht faul, tat einen Sprung über Tisch und Bauer hinweg und blieb ein paar Schritte entfernt auf der Erde sitzen. „Ich hatt’ so argen Hunger!“ klagte er, und dabei schnitt er ein so jämmerliches verschmitztes Gesicht, daß „der faule Matthias“ trotz seinem Ärger lachen mußte. So einen wunderfitzigen, schnurrigen kleinen Kerl hatte er noch nie gesehen. „Woher kommst du denn?“ schrie er ihn an.

Da rutschte Kasperle auf Fritzles Hosenboden ein Stückchen näher und klagte: „Von weit, weit, weit her! Bin ein armes, verlassenes Büble, hab’ niemand mehr auf der weiten Welt.“

Und so kläglich sah dabei das schlimme Kasperle drein, daß der dicke Bauer ganz gerührt wurde. Er brummte zwar: „Das ist noch kein Grund, um andern den Kuchen wegzufressen,“ aber er winkte doch mit der Hand, Kasperle solle näherkommen.

Der kleine Strick kam auch heran. Er ließ die Nase hängen, als könnte er nie ein Wässerlein trüben. Doch wie seine kleinen schwarzen Spatzenaugen glitzerten und funkelten, das sah der Bauer Strohkopf nicht. Der sagte gnädig: „Du bist zwar sehr frech vornhin gewesen, doch will ich’s dir nicht nachtragen. Ich brauche gerade einen Gänsejungen, dazu will ich dich meinetwegen nehmen. Gelt, das hättest du dir nicht träumen lassen, daß der reiche Strohkopf dich aufnimmt?“

Da sperrte Kasperle nun wirklich seinen Mund wie ein Scheunentor auf, denn was ein Gänsejunge war, das wußte er nicht. Er sagte nicht ja und nicht nein, und der dicke Bauer fragte auch nicht weiter. Der dachte, wenn einer als Gänsejunge zum Strohkopf kommt, der kann froh sein. Potzhundert noch mal, das ist eine Ehre! — Und weil gerade sein Großknecht Florian aus dem Hause kam, rief er dem zu: „Florian, wir haben einen neuen Gänsejungen. Da, nimm ihn mit!“

Der gute Florian nun tat seinen Mund eigentlich nur zum Essen auf. Er dachte auch: Mit einem Gänsejungen macht man nicht viel Umstände. Und schwipp, schwapp! packte er Kasperle beim Genick und zog ihn mit sich. Er zerrte ihn zum Gänsestall, tat den auf, brummte: „Da!“ schob Kasperle hinein und schloß die Türe hinter ihm zu. Die müssen sich erst befreunden, dachte Florian; bis zum Nachtessen ist dazu Zeit.

Da saß nun Kasperle im Gänsestall, und seine

weißen und grauen Schützlinge umringten ihn schnatternd. Das gefiel dem kleinen Kerl ganz und gar nicht. In einem Gänsestall war er noch niemals gewesen, und als die Gänse ihre Schnäbel so weit auftaten und gar so arg schnatterten, begann er sich zu fürchten. Er schnitt fürchterliche Gesichter, und weil die Gänse auch noch nie ein lebendiges Kasperle gesehen hatten, kam ihnen der Gast in ihrem Stall höchst sonderbar vor. Sie schnatterten immer lauter, dem Kasperle wurde es himmelangst, und er sah sich nach Rettung um. In einer Ecke des Stalles stand ein hohes Gestell, wie ein Schrank sah es fast aus, und Kasperle, nicht faul, schwang sich hinauf. In den einzelnen Fächern des Gestelles aber saßen dicke, brave Gänse auf ihren Nestern und brüteten. Die erschraken nun gewaltig, als Kasperle ihren Nesterschrank erkletterte. Zischend fuhren sie von ihren Nestern auf, Kasperle erschrak und hielt sich an dem leichten Gestell fest. Das wankte, und pardauz! fiel es um. Da lag Kasperle, da lagen Nester und Eier, und zischend und schnatternd fuhren die Gänse wütend auf Kasperle los. So etwas! Sie im Brüten zu stören, das war doch unerhört! Zwack, biß eine Kasperle ins Bein, zwick, die andere ins Ohr, zisch, hieb eine ihm mit dem Schnabel über die Nase. Kasperle brüllte, die Gänse schnatterten lauter und lauter, — es war ein Höllenlärm.

„Jemine, was ist im Gänsestall los?“ rief draußen auf dem Hof die Magd Karline. Sie dachte: Es ist