vielleicht gar ein Marder eingebrochen, und rasch rannte sie herbei, riß die Türe auf und sah in allem Wirrwarr das schreiende Kasperle am Boden sitzen. Seinen Mund hatte er ungeheuerlich weit aufgerissen, und Karline klappte erschrocken die Türe zu. „Ein Kobold, ein Kobold ist im Gänsestall!“ schrie sie draußen.
Der Lärm hatte die Bäuerin herbeigelockt, Berta, die Jungmagd, kam an, Florian lief herzu, und der stürzte in den Gänsestall hinein und zerrte das schreiende Kasperle heraus.
„Herrje, was ist das?“ rief die Bäuerin. Sie schlug die Hände über dem Kopf zusammen, und Berta kicherte in ihre Schürze hinein. „Wie der aussieht!“ sagte sie.
„Ein Kobold ist’s, ein Popanz!“ kreischte Karline.
„Nä, unser neuer Gänsejunge ist’s, und jetzt kriegt er Haue,“ brummte Florian, Und klitsch, klatsch, schlug er auf Kasperle ein. Ein Spaß war es nicht, wenn Florian zuschlug. Kasperle verging Hören und Sehen, er brüllte ganz mörderlich, und endlich kam auch der dicke Bauer selbst herbei und wollte wissen, was geschehen war. Da redeten seine Frau und die drei Mägde durcheinander, Kasperle kreischte, im Stall schnatterten die Gänse, Florian aber zeigte nur auf den Stall. „Nachsehen!“ brummte er. Und klitsch klatsch, klitsch klatsch, prügelte er weiter auf Kasperle los, bis die Bäuerin ihm endlich den Kleinen entriß. „Du zerschlägst ihn ja ganz!“ schalt sie.
„Der hat’s verdient!“ knurrte Florian.
„Ja zum Kuckuck, der hat’s verdient!“ schrie der Bauer Strohkopf. Er hatte inzwischen im Gänsestall gesehen, was Kasperle angerichtet hatte, und er wollte schon mithauen. Doch die Bäuerin hielt mitleidig seine Hand fest, ihr tat das arme Kasperle leid. Und dem dicken Bauer erging es wieder sonderbar. Als der dem Kasperle so recht in sein klägliches Gesicht sah, legte sich sein Ärger, ja er mußte lachen; das Kasperle sah zu drollig aus. Und auf einmal erging es den andern auch so, sie mußten lachen; selbst Florian grinste.
Das arme Kasperle mochte seinen Rücken noch so viel reiben und noch so betrübt seufzen, es wurde doch nur ausgelacht. Da dachte es an Liebetraut; die hätte nicht gelacht, nur freilich jetzt würde sie traurig sein, weil es sein Versprechen nicht gehalten hatte und fortgelaufen war. Kasperle ließ die Nase hängen; ach nein, zurücklaufen konnte er nun nicht mehr ins Waldhaus! Und vor der dunklen Nacht, allein im Walde, fürchtete er sich auch, und so folgte er still der Bäuerin ins Haus, und als ihm drinnen ein so gutes Düftlein nach frischem Kuchen entgegenzog, da wurde er gleich wieder vergnügt. Heisa, es war doch ganz fein beim reichen Bauer Strohkopf, und das Gänsehüten war gewiß nicht so schwer!
Beim Abendessen in der großen Wohnstube saß der neue Gänsejunge ganz unten am langen Tisch. Oben saßen der Bauer und die Bäuerin, neben ihnen
Florian, dann kamen Karline und die andern Knechte und Mägde. Sie waren alle fleißig gewesen, und sie dachten eigentlich alle nur an das Essen. Erst sah keines recht den neuen Gänsejungen an, bis Berta plötzlich leise lachte. Da blickte der Paul neben ihr auf, und er sah unwillkürlich auch den neuen Gänsejungen an. Nein, so ein spaßiger kleiner Kerl, wie das war! Paul lachte ganz laut, und da blickten auch Karline und Mine auf, und alle sahen Kasperle an, wie der seinen Mund auf- und zuklappte, und mit einem Male lachten alle am Tisch, am lautesten aber lachte der dicke Bauer selbst. Und kaum merkte Kasperle, daß alle über ihn lachten, flink fing er an, Gesichter zu schneiden. Er zappelte auf seinem Stuhl hin und her und kasperte, bis sogar der schweigsame Florian mitlachte. Die Bäuerin bekam Angst, dem Bauer könnte der Bauch platzen, so sehr lachte der. Sie mahnte ein paarmal: „Hör’ auf, lach’ dich nicht krank!“ Aber dann lachte sie selbst wieder laut und lauter. Zuletzt fiel Karline unter den Tisch, und Paul purzelte mit seinem Stuhl um. Da nahm Florian Kasperle am Jackenzipfel und rief: „Jetzt ist’s genug für heute, sonst platzt wirklich noch wer!“ Und Florian zog Kasperle aus der Stube, brachte ihn in eine kleine, kleine Kammer, die ein vergittertes Fensterlein hatte und in der gerade Platz für ein Bett war. Kasperle durfte hineinkriechen; das tat er gern, und er kümmerte sich gar nicht mehr darum, daß Florian brummte: „Morgen mußt du Gänse hüten.“