„Rrrrrrrrr!“ Florian drehte sich erschrocken um. Was war denn das auf einmal? „Rrrrr!“ klang es wieder, und nun merkte Florian: der neue Gänsejunge war es, der so ganz erschrecklich schnarchte. „Dummheit ist’s,“ brummelte Florian und schüttelte den Kleinen. Er konnte aber viel rütteln und schütteln, Kasperle schnarchte nach Kasperleart wie eine große Säge: „Rrrrr! Rrrrr!“

„Hol’ ihn der Fuchs! Mit dem ist’s nicht richtig,“ knurrte Florian. Und er verriegelte sorgfältig die Kammer; er traute dem Kasperlein nicht recht und dachte bei sich, der Bauer hätte gut einen andern Gänsejungen annehmen können.

Fünftes Kapitel
Gänse hüten

Am nächsten Morgen weckte Florian Kasperle in aller Herrgottsfrühe, und als Kasperle nur knurrte und murrte und nicht gleich zum Aufstehen bereit war, goß ihm Florian schwapps einen Krug Wasser über den Kopf. Da sprang nun freilich Kasperle flink heraus, und als er den langen Florian mit seinem bärbeißigen Gesicht vor sich stehen sah, begann er sich schrecklich zu fürchten. Ganz brav und still tat er alles, was der ihm sagte; er folgte ihm zum Gänsestall und stand dort wie ein armes Sünderlein, als seine schnatternden

Feindinnen alle nacheinander aus dem Stalle spazierten. Florian gab ihm einen langen Stab in die Hand und sagte: „Geh, hüt’! Kannst mit dem Schäfer gehen!“

Der Schäfer nun war ein Bruder des Florian, noch viel stiller und brummiger als dieser. Er hieß Damian, und im Dorf nannten sie ihn nur „Damian ohne Maul“. Und Damian tat auch an diesem Morgen seinen Mund nicht auf, er winkte nur, und das Kasperle folgte ihm mit seinen Gänsen. Es ging zum Dorf hinaus über Wiesen, da kam ein lustiges Bächlein gerannt, und hier stieß Damian seinen Stock auf den Boden. Flugs machte Kasperle, der dachte, das gehöre dazu, es ihm nach. Aber als Damian mit seinen Schafen weiterzog, da folgte er ihm wieder. Erst merkte es Damian gar nicht, bis die Gänse gar zu laut schnatterten. Unwirsch drehte er sich um und zeigte stumm mit seinem Stock nach dem Bächlein. Kasperle erhob ebenso geschwind seinen Stab und zeigte auch hin. Da wurde „Damian ohne Maul“ fuchswild. Nun mußte er am frühen Morgen reden. Das war doch wirklich zu anstrengend! „Dort bleiben!“ brüllte er Kasperle an. Der Kleine erschrak, er taumelte nach rückwärts, und die Gänse, denen er beinahe auf ihre Füße trat, nahmen dies gewaltig übel. Sie schnatterten zornig los und wollten ihrem Hirten erst gar nicht folgen. Doch Kasperle hatte jetzt mit seinem langen Stock mehr Mut, er fuchtelte damit grimmig in der Luft herum und schnitt dazu ein bitterböses Gesicht.

Da bekamen die Gänse Angst, und sie spazierten ganz brav, eine hinter der andern, dem Bächlein zu. Dort schnatterten sie vergnügt, sie meinten, nun könnten sie schmausen und sich gütlich tun. Doch Kasperle meinte das gar nicht. Dem hatte es gefallen, wie die Gänse so brav vor ihm hergelaufen waren, und er gedachte sich ein Späßlein zu machen. Er begann die Gänse zu jagen. Kaum stand eine, schwipp! traf sie der lange Stab. Die guten Tiere mochten schnattern, soviel sie wollten, rundum und wieder rundum jagte sie ihr Hirte.

Er selbst hopste und sprang dabei, als sollte er seinen Gänsen etwas vorkaspern. Die armen Gänse konnten kaum noch laufen, ihr Schnattern wurde immer kläglicher, aber schwipp, schwipp! traf Kasperles langer Stab sie, und weiter ging es, immer rundum, rundum.

„Damian ohne Maul“ pflegte sonst sich um weiter nichts als seine Schafe zu kümmern. Heute aber dachte er doch an den neuen Gänsejungen, weil sein Bruder ihm gesagt hatte: „Paß auf!“ Und da er nicht allzuweit seine Schafe weidete, ging er einmal nachsehen.

Ei potzwetter! Das war ein Spiel, das er da sah! Kasperle hopste rundherum, die Gänse rannten rundherum, Damian aber sah wohl, daß denen das Rennen wenig gefiel. Dabei sollten die armen Watschelchen nun fett werden!